100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

"In einem Meer von Schlagworten"

Philipp Scheidemann, der Ausrufer der Republik und erste parlamentarisch gewählte Regierungschef des Reiches, veröffentlicht in der sozialdemokratischen Presse einen energischen Appell gegen den Linksradikalismus. Mit ihrer Streitsucht und ihren verschwommenen Botschaften würden USPD und KPD den Zusammenhalt der proletarischen Organisationen untergraben, während der Ruf nach einer "Diktatur des Proletariats" nur weiteres Elend bedeute. Scheidemann wendet sich gegen das "Schlagwort" und wirbt für eine langsamere, demokratische Verwirklichung des Sozialismus.

Philipp Scheidemann

Proletarier Deutschlands besinnt Euch!

Ein Mahnruf Scheidemanns zur Einigung

Die im Proletariat steckende Kraft, die gesammelt nirgends in der Welt hätte besser in die Tat umgesetzt werden können als in Deutschland, kam in der Revolution einheitlich nicht zur Geltung. Der Fluch der bösen Tat – die Parteispaltung – wirkte fort. Revolutionär sich gehabende Abenteurer und Streber appellierten an die schwielige Faust und umschmeichelten die Massen. Die Volksschichten, die bisher die wenigsten Rechte gehabt haben, oder klassenbewußtlose Gelbe wurden zu den wildesten Schreiern. Das Schlagwort beherrscht viele Tausende. „Alle Macht den A.- und S.-Räten“, „Die Diktatur des Proletariats“, „Das Rätesystem“. Wer sich nicht für die Rätewirtschaft einsetzte, von der 999 unter 1000 Arbeitern nicht wissen, was darunter zu verstehen ist, wurde als Verräter beschimpft.

Statt einheitlich freudig und zukunftsfroh am Neubau der Gesellschaft zu wirken, schlagen sich die Arbeiter gegenseitig die Köpfe ein. Und die Reaktionäre aller Schattierungen stehen als die lachenden Dritten dabei und registrieren für ihre Agitationshafte. Die sammeln alle Kräfte und werben in der Reichswehr. Breite Schichten des Proletariats aber schreien sich wund und müde an Schimpf- und Schlagworten: Verräter! Bluthund! Rätesystem!

Das Wilhelminische Kaiserreich ist infolge der Junkerwirtschaft und des verlorenen Krieges zusammengebrochen. Die politische Einheit des Proletariats aber ist gewaltsam zerschlagen worden. Durch wüste Streiks, in die sich die Arbeiterschaft aus falsch erstandenem Solidaritätsgefühl hetzen ließ, und durch gewissenlose Beschimpfung und Verleumdung bewährter Gewerkschaftsführer soll auch die gewerkschaftliche Organisation zertrümmert werden. Wenn die Arbeiter nicht bald zu der Einsicht kommen, daß nur Einigkeit stark macht und daß nur auf dem Boden der Demokratie der Sozialismus errichtet werden kann, dann wird bald mehr verloren sein als das, was durch die Revolution gewonnen worden ist.

Proletarier Deutschlands, besinnt Euch auf Euch selbst! Denkt an die jahrzehntelange, mühsame Arbeit zum Ausbau Eurer politischen und wirtschaftlichen Verbände! Jetzt, wo es darauf ankommt, die Macht der Organisation anzuwenden, lehren Euch falsche Propheten, daß diese Organisationen veraltet [seien], daß sie nicht starke Brückenköpfe im Kampf gegen Kapitalismus [sondern] starke Brückenköpfe auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats [seien]. Die Diktatur würde zum vollkommenen Bankerott des Sozialismus führen und die absolute Verelendung des Proletariats herbeiführen. Seht nach Rußland, seht nach Ungarn!

Ihr habt die Wahl. Entweder stehen wir am Beginn einer neuen Zeit, die uns die Möglichkeit schafft, kulturell und politisch vorwärts zu kommen, die Wirtschaft auf demokratischer Grundlage organisch weiterzuentwickeln und so zum Sozialismus aufzusteigen, – oder wir treiben einem Abgrund zu, in dem wir unsere Zukunft in einem Meer von Schlagworten begraben können.

Ihr habt die Macht in Händen, wenn Ihr nur einig seid!

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_0537.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00148842

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Scheidemann#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1979-122-29A,_Philipp_Scheidemann.jpg