100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“

Ein „sozialistischer“ Bruderkuss wird es zwar nicht gewesen sein, aber bei dem Zusammentreffen zwischen Hindenburg und Ludendorff in Berlin scheint es dennoch geknistert zu haben. Der Anlass, weswegen die zwei ehemals mächtigsten Generale des Reiches in die Hauptstadt kamen, war jedoch weniger froh: Eine Vorladung vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß zur Klärung der Kriegsschuld und -niederlage. Hindenburg wird – entgegen der Tatsachen – alle Verantwortung von sich weisen und einen vermeintlichen Verrat an der Heimatfront als Grund für die Niederlage anführen. Die Dolchstoßlegende ist geboren!

East Side Gallery in Berlin

Hindenburg und Ludendorff in Berlin.

Feldmarschall von Hindenburg traf zu seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß, von Hannover kommend, in Berlin auf dem Bahnhofe Zoologischer Garten ein. Zu seinem Empfange hatten sich sein Sohn, Hauptmann v. Hindenburg, General Ludendorff, Staatssekretär Helfferich, General von Lüttwitz, Generalmajor von Oldershausen und zahlreiche andere Offiziere auf dem Bahnhofe eingefunden. Dem Feldmarschall war ein Sonderzug zur Verfügung gestellt worden, der aus einem Salon- und einem Postwagen bestand. Als der Zug einlief, trat Ludendorff vor, um als Erster in Berlin den Feldmarschall zu begrüßen. Dieser verließ den Zug, trat auf Ludendorff zu, faßte seine beiden Hände und sah ihm schweigend lange in die Augen. Dann zog er ihn an seine Brust und küßte ihn. Die Zuschauer, die sich zahlreich auf dem Bahnsteige eingefunden hatten, brachten lebhafte Hochrufe auf Hindenburg und Ludendorff aus. Währenddem hatte sich auf dem großen Platze vor dem Bahnhofe eine nach Tausenden zählende Menschenmenge angesammelt, die immer wieder begeisterte Rufe auf Hindenburg und Ludendorff ausstieß. Die Ehrenkompagnie marschierte mit klingendem Spiel an Hindenburg vorbei. Die Menge sang „Deutschland, Deutschland über alles!“ und rief ununterbrochen: „Hoch Hindenburg! Hoch Ludendorff!“ Aber auch Rufe, wie: „Nieder mit dem Untersuchungsausschuß, es lebe Ludendorff!“ wurden laut.

Der Feldmarschall fuhr zusammen mit Helfferich, Lüttwitz und seinem Sohne in langsamer Fahrt davon. Als der Kraftwagen Ludendorffs kam, strömte die Menge auf seinen Wagen zu und brach wieder in stürmische Hochrufe auf Ludendorff und Pfuirufe auf den Untersuchungsausschuß aus.

Nach der Abfahrt des Feldmarschalls Hindenburg vom Zoologischen Garten kam es noch zu recht unliebsamen Auftritten. In der Menge versuchte ein Teil, darunter eine Frau, von dem „Massenschlächter“ zu sprechen, und brachte ein Hoch auf die Internationale aus. Die Anwesenden nahmen sofort Partei, und es entstand eine Prügelei.

Quelle:

Der Deutsche vom 14.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00247625/SDH_19376538_1919_Der_Deutsche_1145.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00306953

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistischer_Bruderkuss#/media/Datei:Bundesarchiv_B_145_Bild-F088809-0038,_Berlin,_East_Side_Gallery.jpg