100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Mit Goethe zur Demokratie

Die Jugendgruppe der DDP Jena veranstaltet einen kulturellen Abend zur Mitgliederwerbung. Und was begeistert mehr als der Klassiker aller Klassiker? Dass Goethe zwar ein fortschrittlicher Geist war, mag niemand bezweifeln, aber ein Demokrat war er sicherlich auch nicht. Die somit recht unpolitische Themenwahl der DDP-Jugend spiegelt in diesem Sinne ein grundsätzliches Problem wider: Wie können demokratische Werte im Bildungsbürgertum verankert werden?

Der Totentanz - Zeichnung Ernst Barlach 1924

Deutsch-demokratische Jugendgruppe Jena

Am Montag, den 10. November, fand unser erster literarischer Abend statt. Es war dies ein etwas gewagtes Unternehmen, waren doch alle Mitwirkenden Anfänger in der Vortragskunst. Die Erwartungen waren aber dennoch ziemlich hoch gespannt – und wurden bei weitem durch die Leistungen der jungen Künstler übertroffen. Wahrhaftig, der Anfang war ein recht guter und es war der allgemeine Wunsch der Anwesenden, recht bald wieder einen ähnlichen Abend zu veranstalten.

Der Vortrag der 1. Szene des 1. Aktes aus Goethes „Faust“ (erster Teil) durch Herrn Epstein verdient hier besondere Erwähnung. Es gelang dem Vortragenden, der sich ganz in die Stimmung Fausts einzufühlen verstand, vortrefflich, die Niedergeschlagenheit desselben am Anfang des Monologs wiederzugeben. Das Sehnen und Streben nach einem höheren, schöneren Leben fand in der Rezitation beredeten Ausdruck. Epstein hat die Gedanken Fausts nicht mit dem Verstande zu erfassen gesucht, nein, er hat sich in dessen Empfindungen ganz eingefühlt, eingelebt. Sein Vortrag ließ uns deshalb das sehnsüchtige Verlangen Fausts, die natürliche Beschränkung seiner irdischen Lage niederzureißen, seine leidenschaftliche Sehnsucht nach irgendeinem undeutlich geahnten höheren Zustande miterleben. In dem Vortrag war Leben, Temperament. Er riß die Zuhörer mit sich fort und ließ innerste Saiten menschlichen Gefühls erklingen.

Ebenso vortrefflich war die Vorlesung des Gedichtes „Totentanz“ von Goethe. Das gesprochene Wort wurde zur Musik. Die wuchtige, klangvolle Sprache wirkte packend.

In ganz andere Stimmung versetzten uns die Gedichte von Cäsar Flaischlen, die Herr Ehmer vortrug.

Der heitere Teil des Abends brachte gleich gute Darbietungen. „Rabbi Esra“ von Frank Wedekind wurde von Herrn Epstein vorzüglich vorgetragen. – Die feierliche, ernste, gehobene Stimmung, die die Vorträge des ersten Teils des Programms bei den Anwesenden ausgelöst hatten, war bald dahin. Eine heitere und fröhliche Laune bemächtigte sich aller. Dazu trugen vor allem die Vorträge der Herren Ehmer und Elz bei, die aus Marcell Salzer vorlasen.

¾ 11 Uhr schloß Herr Kühn die Zusammenkunft. Nur ungern trennte man sich. Der Abend brachte unserer Jugendgruppe eine Anzahl neuer Mitglieder.

Ein erfreuliches Anzeichen ist es, daß die Mitgliederzahl der Jugendgruppen ständig wächst und die Besuchsziffer der Veranstaltungen sich hebt. Nur so weiter! Viele Gäste, die sich das Treiben auch in anderen Jugendgruppen angesehen, versicherten uns, daß nirgends so reges, von jugendlichem Geist erfülltes Leben herrsche, als gerade bei uns. Das sei uns ein Ansporn zu weiterer angestrengter Tätigkeit.

Ihr aber, die Ihn noch außerhalb unserer Gruppe steht, kommt zu uns; arbeitet mit uns. Besucht unsere Veranstaltungen, zunächst als Gäste, und vollziehet dann, wenn Ihr könnt, Euren Anschluß.

Die nächste Veranstaltung – und politischer Diskussionsabend, an dem Herr Jakobi über „Die Demokratie im alten Griechenland“ sprechen wird – findet am Montag, den 24. November, im „Burgkeller“ statt.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 16.11.1919 (2. Ausgabe)

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259192/JVB_19191116_269_167758667_B2_001.tif?logicalDiv=jportal_jparticle_00652133

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Totentanz_(Ballade)#/media/Datei:Ernst_Barlach_Der_Totentanz_4.jpg