100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Nieder mit dem „Burschentum“!

Der Jenaer Professor Eberhard Zschimmer präsentiert sich in dieser Antwort auf einen Leserbrief in der Jenaischen Zeitung (Blogeintrag vom 27.11.) als entschiedener Republikaner. Die demokratie- und staatsfeindlichen Umtriebe der Burschenschaften will er nicht länger dulden. Solche öffentlichkeitswirksamen Auseinandersetzungen sind auch Teil der morgen (vor 100 Jahren) bevorstehenden Gemeinderatswahlen in der Saalestadt.

Publikation Zschimmers zur Technikphilosophie

„Was bleibt Jena ohne Korps und ohne Burschenschaft?“

Ein „alter Herr“ aus Saalfeld schreibt in der „Jenaischen Zeitung“ Nr. 277:

„[Siehe Blogeintrag vom 27.11.]“

Besser als durch diese, von grenzenlosem Klassendünkel der deutschnationalen Ritterkaste zeugenden Dummheiten eines alten Verbindungsstudenten läßt sich dem deutschen „Pöbel“ nicht klar machen, wohin die Entwicklung der Republik Deutschland führen wird und führen muß. Es ist die höchste, aber auch die allerhöchste Eisenbahn, daß die sozialistischen Parteien die Reihen schließen und mit allen der Staatsgewalt zu Gebote stehenden Mitteln für die gründliche Ausräucherung der Brutstätten einer volksfeindlichen, in kastenhafter Abgeschlossenheit sich selbst vergötternden wohlhabenden Jugend sorgen. Höchste Zeit, daß die Gefahr erkannt wird, in der sich unser gesamtes Staatsleben befindet, wenn der Staat selbst (!!) seine zukünftigen „Stützen“ in dieser Weise heranbilden läßt zu einer

staatsfeindlichen Herrenklasse,

deren ganzes Bestreben von Jugend auf dem Sturze der vom deutschen Volke für das deutsche Volk (!) gegebenen Verfassung gilt.

Das Grundübel, die Wurzel der inneren Zerrissenheit unseres Volkes ist die Spaltung in die beiden Klassen der Besitzenden und Gebildeten auf der einen – der Unbemittelten und Ungebildeten auf der andern Seite. Besitz spaltet. Besitz spaltet nicht bloß die Werkleute des Wirtschaftslebens in Lohnarbeiter und Brotherren – eine Erniedrigung der Menschenwürde des Arbeiters – sondern, was das viel Schlimmere ist: Besitz sät Feindschaft, Haß, Neid, der durch den Standesdünkel der Gebildeten – die ihre Bildung der Gunst des Besitzes verdanken – gegen die Ungebildeten verschärft wird.

Und nun reckt sich dieses aufgeblasene, von der Revolution mit äußerster Schonung behandelte, aus dem Mark des arbeitenden Volkes saugende, vom Hochmut bis zum Berste angefüllte Rittertum mit seinem lächerlichen „Aeh – Bäh“ in die Höhe, um uns zu sagen: Was wäre Jena ohne die Korps und Burschenschaften? Ohne diese, mit zerfleischten Gesichtern herumlaufenden Kraftmeier, die der Weinreisende bewundert, wenn er im Sommer „das studentische Leben“ in Jena „genießt“? Ohne diese „Zierde der Universität“, die doch eine Bildungsanstalt des Geistes sein soll, eine Volksbildungsanstalt im höchsten Sinne – eine Freistätte des Denkens und der Wahrheit?

Wir wollen Ihnen sagen „alter Herr“, daß wir nicht mehr im Mittelalter leben, daß wir Jenenser Republikaner sind bis auf die Knochen, und Sie uns mit ihrer „monarchischen Gesinnung“ samt allen Ihren Verbindungsbrüdern, die Sie in diesem, von uns aufs Tiefste verabscheuten Untertanengeiste erziehen wollen, gestohlen bleiben können. Unser Stolz und Ehrgeiz wird es sein, die Universität Jena zu einer der ersten Hochburgen des neuen Geistes zu machen, dessen riesenhafte Schatten wir am Horizont einer fernen Zukunft aufsteigen sehen. Wir wollen haben, daß die akademische Jugend sich für die Ideale begeistert, die unser deutsches Volk zur Höhe führt und nicht zurück an den Rand des Abgrunds, in dem Sie – ja gerade Sie und Ihre alldeutschen Korpsbrüder! – Millionen hoffnungsreicher Menschen untergehen ließen.

Merken Sie sich, daß das deutsche Volks die Bevormundung durch „Persönlichkeiten“, wie sie nach Ihrer Absicht auf der Universität Jena heranwachsen sollen, mit aller Entschiedenheit ablehnen wird. Es hat

genug für alle Zeiten

von Ihren alldeutschen Wahnideen, weil das Volk aus dem Weltkrieg mehr gelernt hat, als Sie mit Ihrem kapitalistischen Monarchenfimmel jemals von der Geschichte lernen werden.

Der überwiegende Teil der Jenaer Bevölkerung schätzt ernste Arbeit – auch Geistesarbeit. Sie aber meinen, in Ihrer korpsstudentischen Verblendung, daß die bunten Mützen auch heute noch die Verkörperung der Universität in den Augen eines blutig geschlagenen Volkes bedeuten. Sie irren! Das Gegenteil trifft zu: Der Geist der Reaktion, die Gefahr einer Wiederkehr des alten verhaßten Joches, der frech zur Schau getragene Klassenübermut dieser Kapitalistenjünglinge und ihres Klüngels von Nutznießern im Gemeinderat – das ist es, was heute die deutschnationalen schlagenden Verbindungsstudenten für die übergroße Zahl unserer Jenaer Volksgenossen bedeuten.

„Zuckerbrot und Peitsche“ – das sitzt bei Ihren Klassengenossen so tief im Standesbewußtsein, daß Sie die Geschmacklosigkeit besitzen, die Stadt Jena auf den wirtschaftlichen Vorteil hinzuweisen, den sie von den farbentragenden Helden des Schlägers hätte. Und glauben Sie wirklich, daß die Jenaer Arbeiter deshalb ihre politische Gesinnung preisgeben, weil sonst die Herrn Korpsstudenten bei den Arbeitern nicht mehr wohnen – wo sie doch wohnen müssen? Auch darin irren Sie.

Die sozialdemokratischen Mitglieder des Jenaer Gemeinderats hätten sich niemals geweigert, Ihren Verbindungsbrüdern – obwohl sie unsere ärgsten, eingeschworenen Feinde sind, obwohl sie in maßloser Weise gegen die Deutsche Republik hetzen und alles tun, um die sozialen Gegensätze auf die Spitze zu treiben – die Unterstützung zu gewähren, die wir, allerdings mit wärmeren Herzen, den republikanisch gesinnten, für die Freiheiten des Volkes eintretenden Studenten, soviel in unseren Kräften steht, zuteil werden lassen. Wenn Sie uns aber damit kommen: Was wäre Jena ohne Ihre Korps und Wirtschaften? dann sagen wir: „Bitte schön!“

Du lieber Gott, Ihre heutige Burschenschaft! Einen Fritz Reuter ließ man in der Festung schmachten, weil er als Burschenschafter den Monarchen von Gottesgnaden gefährlich wurde. Und heute? – Heute organisiert sich das gesamte Burschentum,

um die Monarchie wieder aufzurichten!

So haben die Zeiten sich gewandelt. Aber das Volk wandelt sich auch, und dafür werden wir sorgen. Wir werden es als unsere dringendste Pflicht betrachten, den schärfsten Kampf zu führen gegen die aufkeimende Reaktion; wir werden es als eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Thüringer Volksrats betrachten, in das „Nest“ hineinzuleuchten, von dem kürzlich eingehend in einer Jenaer Volksversammlung gehandelt wurde. Wir werden uns nicht damit begnügen, die jugendlichen Brutstätten des gott-verfluchten, vom Volke gerichteten Monarchentums ständig im Scheinwerfer der Kritik zu behalten und ihnen den Boden unter den Füßen heiß zu machen; sondern wir werden auch alle zu Gebote stehenden Mittel anwenden, die Beseitigung der

gegen die Republik hetzenden Professoren

so rasch als möglich durch Landesgesetz durchzuführen. Denn wir wissen sehr wohl: Der schwierigere Teil der Revolution – die Umwandlung der papierenen Verfassung in eine wirkliche – steht uns noch bevor. Hochschullehrer, die ihren akademischen Beruf darin sehen,

in Hörsälen parteipolitische Ziele

zu verfolgen, Professoren, die unter dem Deckmantel der „freien Lehre“ die Grundlagen des neuen Hauses Deutschlands unterwühlen – solche Apostel der Wahrheit sollen alldeutsche Parteisekretäre werden, aufs Katheder gehören sie nicht!

Und dahin ging die einmütige Entschließung einer dreitausendköpfigen Jenaer Bürgerversammlung – Bürger, die Sie in Ihrem Klassendünkel freilich nicht als gleichberechtigte Bürger betrachten, sondern als „Pöbel“, über dem sich Ihre Geldritterkaste im bürgerlichen Leben hoch erhaben dünkt. Können Sie wirklich noch glauben, dieses „Volk“ hätte besonderen Gefallen daran, zuzusehen, wie vor seinen Augen immer neue Sprößlinge solcher „Ritter“ – auf Kosten des „Volkes“ erzogen werden?

Eberhard Zschimmer.

Quelle:

Volkszeitung Sachsen-Weimar-Eisenach vom 29.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_0733.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00148859

 

Bild:

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