100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Nutzen wir wenigstens unser Unglück aus

Unter diesem Titel gibt die Rhön-Zeitung ihrer Leserschaft Finanztipps. Diese sind allerdings ironisch gemeint und sollen das verbreitete Phänomen der Währungsspekulation diskreditieren. Statt dieses Spekulantentum zu tolerieren solle der Staat ordnend eingreifen. So die Forderung des Blattes.

Pfennig-Münze von 1923

Nutzen wir wenigstens unser Unglück aus.

Lassen wir es nicht zum Vorteile unserer Spekulanten werden.

Unsere Mark gilt im Auslande im Vergleich zu früher noch 12. Pfg.! und sie wird vermutlich noch weiter sinken; unsere nationale Arbeit schafft aber nicht genug Werte, um damit die Einfuhr aus dem Auslande zu bezahlen; und für diese Notzeit borgt uns niemand etwas, weil wir nicht genug arbeiten und daher jedes Vertrauen an unsere Verläßlichkeit unterbinden.

Und weil nun der Wert unserer Mark fast von Tag zu Tag sinkt, ergibt sich für die Spekulation eine günstige Gelegenheit zu großem Gewinn. Wer heute etwas ins Ausland ausführt, bekommt ja dort sehr viel mehr Mark als im Inland, weil ja die Ausfuhrwerte jeder Art, wer Papiere sowohl als auch greifbare Gegenstände wie Maschinen, Textilfabrikate aller Art usw. usw. zur Verfügung hat, kann erheblich „verdienen“, wenn er sie ins Ausland verkauft.

Würd er sie nun aber gegen dieselbe Summe von Mark, die er im Inlande dafür erhält, ins Ausland verkaufen, dann wäre das von ungeheurem Schaden für unsere Volkswirtschaft, weil dann ja möglicherweise die Rohstoffe dazu (z.B. bei elektrischen Maschinen), die wir jetzt aus dem Auslande kaufen müssen, heute teuer sind, als die fertigen Maschinen im Inlande; oder die heute eingeführten Seidenstoffe teurer sind, als die fertigen Kleider aus demselben Stoff, der vor einigen Monaten eingeführt wurde.

Und weil nun in der ganzen Welt Mangel an allem herrscht, streckt das Ausland seine Hände natürlich auch nach den Maschinen unserer Betriebe aus, und wenn irgendwo ein Betrieb aufgelöst wird, vielleicht, weil er sich schlecht rentierte und sich jetzt die Möglichkeit zur Auflösung ohne nennenswerten Verlust oder gar mit Gewinn bietet, dann fällt gleich das Ausland über die Maschinen her, zahlt – scheinbar – etwas mehr dafür als der Inlandsinteressent und schleppt alles fort. Und unseren Arbeitern werden nachher die Arbeitsstätten fehlen, wo sie arbeiten können.

Die beteiligten Kreise haben die Schäden dieser Entwicklung zum Teile erkannt. Ein Teil der Fabrikanten hat den Versuch gemacht, sich durch Zusammenschluß die Möglichkeit zu verschaffen, bei der Ausfuhr ihrer Artikel einen, das Sinken des Marktwertes berücksichtigenden Valutaausschlag vom Auslande zu nehmen. Es ist das ein verkappter Ausfuhrzoll, aber ein beweglicher, der sich den Kursschwankungen anpassen kann und die anderen Nachteile eines Zolls nicht hat.

Aber … dieser Valutaausschlag fließt in die Taschen der Fabrikanten; und wenn dieses System allgemein durch Zwang eingeführt würde, was nach Lage der Dinge nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen sein kann, dann würde sich hier der Zustand ergeben, daß das private Ausfuhrkapital um so mehr verdiente, je tiefer die Valuta sinkt. Das wäre aber ein Zustand, der zu allergrößtem Bedenken Anlaß geben muß und daher ergibt sich die Frage,

                ob nicht das Reich diesen Valutaausschlag für sich in Anspruch nehmen will;

dasselbe Reich, dessen Bürger doch durch das Sinken der Valuta verarmen und zu höheren Aufwendungen für die Lebenshaltung gezwungen werden.

Um die Hemmung des Ausfuhreifers zu vermeiden, könnte den Exporteuren ja ein Teil des Valutaausschlages belassen werden.

Es ist sicher, daß etwas Aehnliches geschaffen werden muß, wenn nicht der allgemeine Zusammenbruch noch schneller hereinbricht. Je schneller es geschieht, desto besser für uns.

Quelle:

Rhön-Zeitung vom 12.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172672/RhoenZ_1919-0975.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00199274

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Geld#/media/Datei:Mnt_ubt_DE50p.jpeg