100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ohne Makel in den Untergang

Der erste Jahrestag der Unterzeichnung des Waffenstillstandes! Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger hatte in Compiègne den schweren Schritt vollzogen und wurde danach verstärkt zur Zielscheibe. Die rechtsnationale Jenaische Zeitung hält Erzberger, als vermeintlichen Kopf einer katholischen Weltverschwörung gegen den Protestantismus, und den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann für die eigentlich Verantwortlichen an der deutschen Kriegsniederlage. Auf beide wurden in den folgenden Monaten Attentate verübt, wobei Erzberger ermordet wurde. Der Artikel hingegen rechtfertigt den uneingeschränkten U-Bootkrieg, obwohl dieser Zehntausenden Zivilisten das Leben kostete und den Kriegseintritt der USA zur Folge hatte. Man will keinerlei Makel auf der blutbefleckten Weste der deutschen Admiralität erkennen.

US-Admiral William S. Sims

Die Wirkung des U-Bootkrieges.

Wie wir berichteten, sagte Admiral Koch vor dem Untersuchungsausschuß, er sei überzeugt, daß im Sommer 1917 der Moment erreicht gewesen sei, den die Marine habe erreichen wollen, d.h. die Zwangslage für England, sich zu überlegen, ob der Krieg bei der verheerenden Wirkung der U-Boote für England noch ein Geschäft sei. In diesem Sinne waren damals schon Versuche gemacht, Verhandlungen anzubahnen. In diesem Augenblick erhielt man in London Kenntnis von der Denkschrift [Ottokar] Czernins, [der Außenminister Österreich-Ungarns war, Anm.] und den Rest besorgte dann die Juliresolution des Reichstages.

Von einer anderen, gewiß unverdächtigen Seite wird die Ansicht des deutschen Admirals bestätigt, nämlich durch den amerikanischen Admiral [William S.] Sims [, der Befehlshaber der amerikanischen Seestreitkräfte in Europa, Anm.]. Die „Deutsch-österreichischen Stimmen“ schreiben darüber:

Der amerikanische Admiral Sims veröffentlicht in der nordamerikanischen Zeitung „Die Atlanta Constitution“ vom 21. September 1919 den ersten Teil eines aufsehenerregenden Berichts über die Wirkungen des deutschen Unterseebootkrieges auf England, der in einer alle Zweifel ausschließenden Klarheit darlegt, daß die Verfechter des Unterseebootkrieges auf dem rechten Wege waren, als sie die ungehemmte Ausnützung dieser Waffe verlangten. Nach dieser Schilderung eines Mannes, der unmittelbarsten Einblick in die Tatsachen gewann, muß man zur sicheren Ueberzeugung kommen, daß es ein furchtbares Versäumnis war, den Unterseebootkrieg um ein Jahr zu spät und dann nicht immer mit aller gebotenen Rücksichtslosigkeit geführt zu haben.

Die „D.-österr. Stimmen“ geben den Bericht wieder, in dem Admiral Sims schildert, wie er Ende März 1917 sich inkognito nach England einschiffte. Er erkannte dort in engster Zusammenarbeit mit Admiral [John] Jellicoe [, der Oberbefehlshaber der englischen Marine, Anm.], daß die englische Oeffentlichkeit fortgesetzt durch falsche Angaben über die Schiffsverluste irregeführt wurde. Ihm, dem Vertreter des Staates, den man in England schon als den heimlichen Verbündeten ansah, schenkte man reinen Wein ein. Er sagt darüber:

„Bevor ich in England ankam, hatte ich den Ernst der Lage keineswegs begriffen. Kaum hatte ich jedoch einige Tage in London zugebracht, als meine Illusionen gründlich zerstört wurden. Die britische Admiralität selbst legte mir nämlich Berichte und Zahlen vor, von denen die Oeffentlichkeit noch nichts erfahren hatte. Diese Dokumente enthüllten die erschütternde Tatsache, daß Deutschland auf dem besten Wege war, den Krieg nicht nur zu gewinnen, sondern sogar so schnell zu gewinnen, daß das britische Weltreich sich in längstens 4 bis 5 Monaten bedingungslos ergeben mußte.“

So verzweifelt stand die Sache um England im Frühjahr 1917. Wie stellte sich nun Admiral Jellicoe dazu? Der Amerikaner berichtet, daß Jellicoe zwar Ernst zeigte, vielleicht auch Besorgnis, „aber der englische Stoizismus und die bekannte britische Bulldognatur ließen ihn seine Aufgaben mit unerschütterlicher Zähigkeit verfolgen“. Sims erzählt dann, wie England seine Abwehrmittel verstärkte und in zäher Gegenarbeit die Verlustziffer herabzudrücken versuchte. Die Erfolge aber waren nur gering, und England wäre zum Frieden gezwungen worden, wenn nicht der Sommer 1917 eine wunderbare Wendung gebracht hätte. Diese Wendung wurde verursacht durch Amerikas Eintritt in den Krieg, durch die österreichischen Friedensschritte und die von Deutschland kundgegebenen Anzeichen innerer Schwäche.

Diese Zeichen innerer Schwäche auf der Seite der Zentralmächte wurden bekundet durch das Wiener Kabinett, durch Erzberger und Scheidemann, die dann die Reichstagsmehrheit mit sich rissen. Wir sehen hier mit zunehmender zeitlicher Distanz immer werden, worauf wir schon damals warnend hingewiesen haben: daß sich drei Faktoren verbündeten gegen den Sieg des Deutschen Kaiserreiches. Scheidemann lebte in dem Wahn, es könne eine Schwächung dessen, was er Imperialismus und Militarismus nannte, d.h. der straffen staatlichen Ordnung, herbeigeführt werden, ohne daß darüber das ganze Volk zusammenbräche. Er lebte in dem Wahn, die Anhänger der früheren staatlichen Ordnung lebten nur ihren eigenen „Klasseninteressen“ und war zu verblendet, um einzusehen, daß einem von Feinden rings umgebenen Staate nichts anderes übrig bleibt, als ein Entweder – Oder: Entweder Freiheit in straffer Zucht, oder Knechtschaft. In Wien kam in schwerster Schicksalsstunde der alte Gegensatz zwischen Habsburg und Hohenzollern zum Durchbruch. Das Hohenzollern-Kaisertum durfte nicht zu mächtig werden – und darüber stürzte Habsburg mit in den Abgrund. Erzberger, dessen Verbindung mit dem Wiener Hofe nicht abgeleugnet werden kann, sah in dem Sturz des evangelischen Kaisertums einen Sieg der römischen Sache. Er hat unter dem Schein der sozialdemokratischen Regierung das Zentrum zur Herrschaft geführt: Bauer, Müller, David und die anderen sind bloße Schachfiguren, die geschoben werden durch Erzberger und seine Partei.

Wären diese inneren Gegensätze nicht gewesen, so hätten wir vor zwei Jahren zum siegreichen Frieden kommen können. Statt dessen haben wir Niederlage, Revolution, Kohlen- und Brotnot und einen Kampf aller gegen alle. Und mit der Niederlage der Zentralmächte ist zugleich Europa herabgestürzt von seiner Stellung in der Welt. Andere Rassen und andere Erdteile übernahmen die Führung und Rom wird seiner Sache Gegner erstehen sehen, die von größerer Bedeutung sind als das protestantische Kaisertum.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 11.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246815/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1919_1601.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/William_S._Sims#/media/Datei:William_sowden_sims.jpg