100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Schädelstätte Europa

Der Erste Weltkrieg ist kaum mehr als ein Jahr vergangen. Zeit der zahllosen Toten zu gedenken. Doch welchen Sinn hatte ihr Tod? Dieser Artikel betont den „nationalen Opfermut“ der Soldaten und will auf diese Weise ein überparteiliches Weltkriegsgedenken unterstützen.

Den Namenlosen (von Albin Egger-Lienz)

Totensonntag

In diesem Jahre feiern wir das erste eigentliche Totenfest nach dem Kriege. Denn im politischen Novembersturm des letzten Jahres konnten sich unsere Gedanken nicht so bei den lieben Entschlafenen sammeln, wie es notwendig ist. Heute liegt ein dichter Schnee über der Erde und hüllt alles mitleidsvoll in sein weißes Gewand, deckt die stummen Schläfer unter der Erde, deckt die harten Gedanken und stillen Wünsche, deckt alles Böse und Gute in gleicher Weise. Auch in den Kriegsjahren war es ein schnelles Gleiten der Gedanken am Tage der Toten, ein kurzes Sammeln der Seele und dem Eingestehen, daß wir zu unruhig, innerlich zu zerrissen sind, als daß wir der Toten würdig sein könnten. Wir vertrösteten uns auf die Jahre des Friedens, wo wir das Ausmaß des Riesenopfers erfassen, unsere Dankbarkeit läutern und das Andenken an die Gefallenen zu reineren Höhen führen könnten. Wir waren nicht stark genug, hatten nicht die genügende Sammlung im tollen Wirbel der Erscheinungen Flucht, daß wir der Dankbarkeit allen Ausdruck zu geben vermochten. Heute können wir in den verschneiten Stunden uns der Braven, Tapferen erinnern, die ihr Leben für das Volk, für das Vaterland hingaben. Die fiebrig schnelle Zeit der sorgenvollen Gegenwart vergißt so schnell. Und doch ist es unser aller heilige Pflicht, mögen wir zur Entwicklung der Dinge stehen wie wir wollen, dankbares Erinnern uns zu bewahren. Trotz des uns niederzwingenden Chaos der Sorgen und Schmerzen, der harten Pflichten steigt das gigantische Erlebnis aus der Nebelferne der Zeiten hernieder und erfüllt uns ganz. Wir halten den Atem an und sehen die Schädelstätte, die aus dem blühenden Europa der Vergangenheit geworden ist. Aber nicht nur menschlicher Irrwahn half sie vernichten, sondern Treue und Hingabe, Pflichterfüllung und Mut fanden hier Erfüllung. Das Sterben ist jetzt billige Scheidemünze geworden und doch sollen wir seines Wertes, seiner Größe, seiner Hoheit wieder gewiß werden. Dazu ist das Recht der Toten berufen. Nicht das Ergebnis der Millionenopfer soll uns Wertmesser sein, sondern das Wollen, das zwar nicht zum Ziele führte, aber in reiner Kraft zur Vollendung gedieh. Der Geist der todesmutigen Jugend, die Sterben für das Vaterland als Gewinn achteten, und deshalb nicht zu erschrecken waren, soll uns wieder gewiß werden. So wollen wir den Tag der Toten begehen in stillem Gedenken der lieben Entschlafenen.

Quelle:

Der Deutsche vom 22.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00247625/SDH_19376538_1919_Der_Deutsche_1172.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00306959

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg#/media/Datei:Egger_Lienz_Den_Namenlosen_1914.jpg