100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Unfriedlicher November

Das Ende des Weltkrieges und die Revolutionszeit werfen ihre Schatten nicht nur auf Deutschland. Die Rhön-Zeitung berichtet von linksradikalen Gewalttaten in Deutschland und einen tödlichen Angriff auf eine Veteranen-Demonstration in den USA. In Venedig kehrt derweil ein Stück Vorkriegsnormalität wieder ein.

Der Markusplatz um 1900

Aus aller Welt

Schwere Ausschreitungen in Kiel. Freitag abend kam es in Kiel zu schweren Ausschreitungen. Trupps von Matrosen drangen mit Revolvern und Knüppeln bewaffnet in mehrere Tanzlokale ein, um Rache an den Zivilisten zu nehmen, die ihnen angeblich den Aufenthalt in den Lokalen verwehrt haben sollten. Die Polizei nahm einige der Eindringlinge fest, doch kam es bald zu erneuten Tumulten, so daß die Sicherheitswehr einschreiten mußte. Zahlreiche Ruhestörer wurden festgenommen. In den Straßen der Stadt wurden bei den Krawallen auch Schüsse abgegeben, wobei es Verwundete gegeben hat.

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Ein Bombenattentat gegen die Technische Nothilfe. Ein Bombenattentat ist am Donnerstag auf den Leiter der Technischen Nothilfe in Leipzig, Stabsingenieur Schwarz, dadurch verübt worden, daß im Treppenhaus seiner in Leipzig-Schleußig gelegenen Wohnung eine Bombe zur Explosion gebracht wurde. Das Innere des Hauses wurde vollständig zerstört. Wie festgestellt wurde, ist von Unbekannten dicht neben der Vorsaaltür des Ingenieurs Schwarz Brennstoff niedergelegt und zur Entzündung gebracht worden. Als ein wahres Wunder ist anzusehen, daß von den sieben Familien die das Haus bewohnen, niemand zu Schaden gekommen ist. Dem Vernehmen nach soll es sich um einen Anschlag von kommunistischer Seite handeln.

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Die Rosse von San Marco. Die berühmten ehernen Rosse auf dem Markusdom in Venedig wurden Dienstag unter lebhafter Teilnahme der Bevölkerung auf dem Dache der Kirche wieder aufgestellt, nachdem sie vor vier Jahren wegen der Gefahr der Flugzeugangriffe von dort entfernt und nach Rom gebracht worden waren. Eine Menge von mehr als 20 000 Personen beobachtete vom Markusplatz aus den Vorgang und begrüßte sein Ende mit lauten Jubelrufen.

Blutige Siegesfeier. Als bei einer am 11. November zur Erinnerung an den Abschluß des Waffenstillstandes in Centralia im Staate Washington veranstalteten Parade die Teilnehmer an der Industriearbeiterhalle vorüberzogen, feuerten Leute, die angeblich Mitglieder der Vereinigung „Industriearbeiter der Welt“ sind, auf die Vorüberziehenden. 4 frühere Soldaten wurden getötet, 2 tödlich und mehrere andere weniger schwer verwundet. Ein Mann, der angeblich auf den Zug gefeuert hatte, wurde auf der über den Fluß führenden Brücke gestellt. 8 Verdächtige sind verhaftet worden.

Quelle:

Rhön-Zeitung vom 17.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172672/RhoenZ_1919-0994.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00199279

 

Bild:

https://it.wikipedia.org/wiki/Piazza_San_Marco#/media/File:St._Mark's_Church_and_the_clock,_Venice,_Italy-LCCN2001701003.jpg