100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Völkischer Märchenonkel

Die von Hindenburg (gestern vor 100 Jahren) popularisierte Erzählung vom „Dolchstoß“, der vermeintlich allein für die Kriegsniederlage verantwortlich sei, diente vor allem einen Zweck: der Entlastung eigener Schuld. Er sucht die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges und dessen in der Summe katastrophalen militärischen Verlauf bei jenen Kräften, die „heimlich“ eine „Zersetzung“ der Armee betrieben hätten. Gemeint sind vor allem Sozialdemokraten, Juden und das Parlament insgesamt, womit die Jenaische Zeitung offenkundig sympathisiert. Das hier noch demonstrativ zur Schau gestellte Einvernehmen zwischen Hindenburg und seiner ehemaligen rechten Hand Ludendorff wird in den kommenden Jahren bröckeln.

Karikatur von 1925

Der Riese und die Zwerge.

Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuß.

[…] Am Dienstag ist Generalsfeldmarschall v. Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuß erschienen. Vor dem Reichstagsgebäude wurde er mit brausenden Hochrufen von einer zahlreichen Volksmenge begrüßt. Aber es waren auch Andersdenkende erschienen, und als die Nationalgesinnten „Hoch Hindenburg“ riefen, antwortete ihnen der Ruf „Hoch Cohn“. Diese Gegenüberstellung, die die „Tägl. Rundschau“ feststellt, kennzeichnet die Situation. – Im Saal beginnt bald nach 10 Uhr die

Vernehmung Hindenburgs:

Vorsitzender Gothein: Herr Generalfeldmarschall! Der AUsschuß hätte Ihnen gern die Mühewaltung erspart, vor diesem Ausschuß hier zu erscheinen. Er hätte Ihnen gern in dieser Winterszeit die schwierige Reise erspart. Da aber General Ludendorff Wert darauf legte gemeinsam mit Ihnen vernommen zu werden, so mußten wir Sie bitten, hier zu erscheinen.

Generalfeldmarschall Hindenburg: Ich darf wohl erwidern, daß es mir ein Bedürfnis gewesen ist, an der Seite meines Kampfgenossen in schwerer und großer Zeit hier zu erscheinen. Ich bin dankbar dafür, daß mir hier die Gelegenheit dazu gegeben ist. Ebenso danke ich dafür, daß mir die Reise erleichtert worden ist.

[…]

Der deutsche Große Generalstab ist im Sinne des großen Militärphilosophen von Klausewitz erzogen. Wir sehen den Krieg als die Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln an. Unsere Friedenspolitik hat versagt. Wir wollten keinen Krieg und bekamen doch den größten.

Vors. Gothein: Hier ist ein Werturteil. Ich möchte Sie aufmerksam machen, daß Werturteile hier ausgeschlossen sein sollen von der Bekundung der Zeugen. Ich erhebe also gegen diesen Satz Einspruch.

Generalfeldmarschall von Hindenburg (fortfahrend): Dann lasse ich die Weltgeschichte darüber entscheiden. Ich weiß nur das eine mit absoluter Gewißheit: Das deutsche Volk wollte den Krieg nicht, der deutsche Kaiser wollte ihn nicht, die Regierung wollte ihn nicht und der Große Generalstab erst recht nicht, denn er kannte ebensogut wie jemand sonst unsere unendlich schwierige Lage in einem Kriege gegen die Entente. Daß die militärische Zentralleitung auch auf die Möglichkeit eines etwa unvermeidlichen Krieges vorbereitet war, um dann ihre Pflicht gegenüber dem Vaterlande zu tun, ist selbstverständlich, dazu war sie da; sie war verpflichtet im Falle, daß ein Krieg unvermeidlich sei, alle nützlichen Chancen auszunutzen. Wir betrachteten es als unsere vornehmste Aufgabe, den Krieg durch militärische Mittel so schnell und so günstig als möglich zu beenden, um der Reichsleitung es zu ermöglichen, die Geschicke des Landes wieder mit den normalen Friedensmitteln der Politik zu bestimmen. Diese Auffassung ist natürlich nur maßgebend für die Führung des Krieges und bedarf keiner Erörterung. Im Weltkriege kam die Erkenntnis hinzu, daß das Uebergewicht der Feinde an lebendem und totem Material groß war, daß der Verlust an allen Werten ein beispielloses Ausmaß gewinnen mußte, auch bei dem relativ günstigsten Kriegsausgang, daß diese Schwächung einem unglücklich verlaufenden Kriege gleichkam. Wenn schon die Liebe zum Vaterlande und zum Volke uns zwang, den Krieg möglichst bald zu beenden, so wurde dieser Zwang noch verstärkt. Wir wußten, was wir vom Heer, der oberen und niederen Führung, nicht zuletzt von dem Manne im feldgrauen Rock zu fordern hatten, und was sie geleistet haben. Aber trotz der ungeheuren Ansprüche an Truppen und Führung, trotz der zahlenmäßigen Ueberlegenheit des Feindes konnten wir den Kampf zu einem glücklichen Ende führen, wenn die geschlossene und einheitliche

Zusammenwirkung von Heer und Heimat

eingetreten wäre. Darin hatten wir das Mittel zum Siege gesehen, den zu erreichen wir den festen Willen hatten. Aber was geschah nun? Während sich beim Feinde, trotz seiner Ueberlegenheit ein Zusammenarbeiten aller Parteien und aller Schichten zeigte, so daß sie sich in dem Willen zum Siege immer fester zusammenschlossen, und zwar je schwieriger unsere Lage wurde, da machten sich bei uns die Parteiinteressen geltend.

Vors. Gothein: Hier handelt es sich wieder um ein Werturteil, das über das Volk im Innern gegeben wird. Nach den Beschlüssen des Ausschusses sollen solche Werturteile nicht abgegeben werden. So leid es mir tut, kann ich beim Herrn Generalfeldmarschall keine Ausnahme machen gegenüber den Beschlüssen, die wiederholt vom Ausschuß gefaßt worden sind. Ich bitte also, diese Stelle zu übergehen.

Generalfeldmarschall von Hindenburg: Diese Zustände führten zur Spaltung des Siegeswillens.

Vors. Gothein: Auch das ist ein Werturteil, gegen das ich Einspruch erhebe.

Generalfeldmarschall von Hindenburg: Die Geschichte wird über das, was ich nicht weiter ausführen darf, das endgültige Urteil sprechen. Zu jener Zeit hat noch der Wille zum Siege geherrscht. Als wir unser Amt übernommen, stellten wir bei der Reichsleitung eine Anzahl von Anträgen, um die Zusammenfassung aller Kräfte herbeizuführen; was schließlich wieder durch die Einwirkung der Parteien aus unseren Anträgen geworden ist, ist bekannt. Ich wollte Kraft und Mitarbeit gewinnen, bekam aber Versagen und Schwäche.

Vors. Gothein: Das ist wieder ein Werturteil.

Generalfeldmarschall von Hindenburg: Die Heimat hat uns von diesem Augenblick an nicht mehr gestützt. Wir erhoben oft unsere Warnende stimme. Seit dieser Zeit setzte auch die

heimliche Zersetzung von Heer und Flotte

ein. Die Wirkung dieser Bestrebungen war der Obersten Heeresleitung während des letzten Kriegsjahres nicht verborgen geblieben. Die braven Truppen, die sich von der revolutionären Einwirkung der revolutionären Kameraden, schwer zu leiden. (Glocke des Vorsitzenden: nach Rücksprache mit den Abg. Warmutz und Dr. Sinzheimer unterläßt Vors. Gothein eine Unterbrechung des Generalfeldmarschalls.)

Unsere Forderung, strenge Zucht und strenge Handhabung der Gesetze durchzuführen, wurde nicht erfüllt. So mußten unsere Operationen mißlingen, so mußte der Zusammenbruch kommen; die Revolution bildete nur den Schlußstein. Ein englischer General sagt mit Recht:

die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.

Wo die Schuld liegt, bedarf keines Beweises. – Das ist in großen Linien die tragische Entwicklung des Krieges für Deutschland nach einer Reihe so glänzender, nie dagewesener Erfolge! […]

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 21.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246815/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1919_1651.tif

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/30/30_38.pdf