100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Vom Rückzug abgeschnitten…

Deutsche Truppen und Freikorps sind im Baltikum auch ein Jahr nach dem offiziellen Waffenstillstand in schwere Kämpfe verwickelt. Dem Weltkrieg folgt der Russische Bürgerkrieg mit sehr unübersichtlichen Fronten. Zahlreiche deutsche Freiwillige wurden durch das Versprechen auf Siedlungsland im Baltikum angelockt, was nun bitter enttäuscht wird. Auch das Schicksal der vielfach zur Flucht gezwungenen Deutschbalten ist denkbar hart.

Die "Baltikumer" genannten Freikorpskämpfer stiften nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ihrerseits Ärger. So etwa Albert Leo Schlageter (siehe Bilder), der zu einer wichtigen Symbolfigur der rechtsradikalen (und zeitweise auch der kommunistischen) Szene werden wird.

Der Verzweiflungskampf im Baltikum.

Das deutsche Waffenstillstandsangebot abgelehnt.

Aus Riga wird gemeldet: Generalleutnant von Eberhard, der deutsche Oberstkommandierende im Baltikum, hatte nach dem Zusammenbruch der russischen Westarmee einen Funkspruch an das lettische Oberkommando gerichtet und unter Hinweis darauf, daß sich die Armee Awalow-Bermondt unter sein Kommando gestellt habe, um sofortigen Waffenstillstand ersucht, der in der Nacht vom 19. zum 20. November beginnen sollte. Das lettische Oberkommando hat das Waffenstillstandsangebot nicht beantwortet und setzt die Operationen gegen die deutschen Truppen im Baltikum planmäßig fort. – Durch die Tatsache, daß die Truppen des russischen Oberst Bermondt unter deutschen Oberbefehl gestellt wurden, steht das Deutsche Reich plötzlich mit den Letten in Kriegszustand. Wie der „Vorwärts“ erfährt, ist zeitweise erwogen worden, ein oder zwei Bataillone zum Schutz der Bahnlinie gegen litauische Banden vorzuschicken. In Kowno wird über die Schaffung einer Demarkationslinie zum Schutz dieser Bahn verhandelt. Es wäre dringend zu wünschen, daß die Ententekommission ihren Einfluß aufwende, damit die heimkehrenden deutschen Soldaten Deutschland gesichert erreichen können.

Deutsche Flüchtlingszüge von den Litauern zusammengeschossen.

Nach den neuesten Meldungen ist die Lage der deutschen Truppen sehr ernst, an einigen Stellen geradezu verzweifelt. Die Reste der deutschen Truppen und der verschiedenen Freikorps, darunter das von Brandis, haben sich südlich von Mitau gesammelt. Der rechte Flügel steht bei Krusi in Verteidigung gegen Angriffe aus Nordosten und überholende Angriffe von Südosten. Der linke Flügel hält die Bahnlinie Mitau-Schaulen. Fünf aus Mitau kommende Flüchtlingszüge mit vorwiegend deutschstämmigen Flüchtlingen sind von den Litauern zusammengeschossen worden. Bisher sind 50 Tote und 150 Verwundete gemeldet. Es wird versucht, die Bahnstrecke offen zu halten, damit besonders der Abmarsch der Flüchtlinge vor sich gehen kann.

Die Eiserne Division geht anscheinend ziemlich geordnet aus dem Raume von Mitau in die Gegend Murajewo längs der Bahnstrecke Mitau-Murajewo zurück. Nach dem Abmarsch der Gruppe Plehwe, die bei Libau stand, ist die linke Flanke gegen die von Libau vorrückenden Letten offen. Die Litauer setzen ihre Angriffe gegen die Bahn Mitau-Schaulen fort. Radziwillischki ist von ihnen besetzt. Um Schaulen und im rückwärtigen Gebiet streifen starke litauische Banden umher. Das Generalkommando des 6. Reservekorps befindet sich in Schaulen. Die von Schaulen ausgehenden Bahnen sind bis Szylany halbwegs Meschkuze und Omole in deutscher Hand. Bis jetzt sind noch keine Transporte in deutschen Grenzorten eingetroffen.

Die aus London verbreitete angebliche Kownoer Nachricht, wonach Lettow-Vorbeck mit 30.000 Mann und 300 Panzerautos in Litauen eingefallen sei, wird an zuständiger Stelle für Phantasiemeldung erklärt.

Quelle:

Rhön-Zeitung vom 26.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172672/RhoenZ_1919-1019.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00199286

 

Bilder:

https://lv.wikipedia.org/wiki/V%C4%81cu_le%C4%A3ions#/media/Attēls:Pilsonibas_apliecinajums.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Leo_Schlageter#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-J27290,_Albert_Leo_Schlageter.jpg