100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Was wäre Jena ohne seine Studenten?

In der altehrwürdigen Universitätsstadt hängt ein Jahr nach der Revolution der Haussegen schief. Sozialdemokraten und Liberale liefern sich im Gemeinderat Streitereien mit den rechtsnationalen Vertretern der DNVP. Diese wissen jedoch die Burschenschaften hinter sich, die in der Stadt fest verankert sind. Angesichts jüngster Beleidigungen drohen die Burschenschaften mit Auszug.

Denkmal der Jenaer Urburschenschaft

„Das Spiel mit dem Feuer“.

Aus Saalfeld wird uns von einem ehemaligen Jenenser Studenten geschrieben:

Liebes, trautes Jena! Ist Deine alte, fröhliche Burschenherrlichkeit nun für immer dahin?

Als ich die Berichte der „Jenaischen Zeitung“ über die Vorgänge las, die sich in der vergangenen Woche im Gemeinderat abgespielt haben, mußte ich mich denn doch fragen, ob Jena der treuen Liebe noch wert ist, die uns alte Herren bisher mit allen Fasern des Herzens an unsere alte Musenstadt gefesselt hat. Ich weiß, daß die Jenenser Bürgerschaft zu einem guten Teil anders denkt, als die Zschimmer und Genossen. Der Jenaische Studentenphilister, wie er in so vielen alten Liedern leibhaftig vor uns steht, ist noch lange nicht ausgestorben. Aber ist nicht die Stimme des Gemeinderates für die Meinung der Jenenser Bürgerschaft doch nach außen hin allein maßgebend und verantwortlich?

Wie stellen wir alten Herren der Jenenser Studentenschaft uns zu den niederträchtigen Anwürfen, denen unsere akademische Jugend jetzt in Jena ausgesetzt ist? Sollen wir ruhig anhören, daß ein Mann wie Dr. Zschimmer frivol einer jahrhundertealten Tradition ins Gesicht schlägt? Soll er es als „Stadtvater“ ohne Folgen für Jena aussprechen dürfen: Die deutschnationalen farbentragenden Studenten seien in Jena ein gefährlicher Fremdkörper?

Wir alten Studenten Jenas wollen heute denen zurufen, die mit ihren Schmähreden auch unsere Erinnerungen mit Füßen treten: Hütet Ihr Euch zu allererst vor dem Spiel mit dem Feuer! Nicht nur die jetzige Studentenschaft selbst, sondern auch wir Alten werden sorgsam über die akademische Ehre wachen. Auch wir sind ein Machtfaktor, den Jenas Bürgerschaft bei Dank und Undank nicht außer Rechnung lassen darf.

Noch immer kommt ein großer oder sogar der größte Teil der studentischen Jugend aus unseren eigenen Kreisen. Glauben aber die Jenenser Bürger, daß wir unsere Söhne oder Brüder in eine Universitätsstadt schicken, wo das „Hausrecht“ – um mit Dr. Zschimmer zu sprechen – darin geübt wird, daß sie unflätig beschimpft werden; wo man ihr gutes Geld mit der Geste eines Fußtrittes einstreicht? Wir alten Herren wissen am besten, wie hoch der Wert der akademischen Freiheit zu bemessen ist, wir wissen, daß gerade die Jahre des freien Studentenlebens die wertvollsten für die Heranbildung unserer Jungmannschaften zu starken und echten Persönlichkeiten ist. Können wir es mit dieser Ueberzeugung vereinbaren und die Verantwortung als Aeltere tragen, wenn wir unsere Jugend in eine Umgebung von Falsch und Undank, von Beschimpfungen und Roheiten hineinstellen? Nie und nimmer?

Vergeßt auch nicht ein zweites, Jenenser Bürger. Wir alten Herren der Jenenser Verbindungen sind es, in deren Hand es liegt, unseren Aktiven an anderen Universitäten eine neue, bessere Heimstätte zu bereiten. Uns ist bewußt, was es heißt, einen alten Baum zu verpflanzen. Gerade in Jena sind die alten Verbindungen inniger denn sonstwo mit Stadt und Umgebung verwachsen. Ehe wir aber unsere Korpshäuser vom Jenenser Pöbel stürmen lassen, ziehen wir aus. Was in Straßburg möglich war, geht auch in Jena. Es gibt Universitäten genug, die uns freudig die Hand reichen, wenn wir sie um Schutz und Asyl bitten. Und sei es, daß der alte Baum in neuer Erde nicht bestehen kann, dann lieber in Ehren untergehen, als in Jena bespien und verachtet werden. Was bleibt aber auf der anderen Seite Jena ohne seine Korps und ohne seine Burschenschaft?

Und schließlich wollen wir auch die Möglichkeit ins Auge fassen, daß die ganze Jenenser Universität eine neue Heimat suchen und finden kann. Beispiele aus der Geschichte der deutschen Hochschulen gibt es genug dafür, daß Universitäten zeitweise oder auf immer verlegt worden sind. Daß einer Verlegung in jetziger Zeit ungeheure Schwierigkeiten entgegenstehen, wissen wir selbst nur zu gut. Ferner wissen wir auch, was die Universität Jena den Carl-Zeiß-Werken sowohl unmittelbar, wie auch in jahrzehntelanger Zusammenarbeit mittelbar verdankt. Keiner von uns hat jemals die Wohltaten der Carl-Zeiß-Stiftung mit Undank gelohnt. Aber sollen wir unserer Jugend zumuten, daß sie jetzt auf einmal diese Wohltaten mit knechtischer Unterwürfigkeit erkaufen soll? Soll nur der sich in Jena wohlfühlen dürfen, der nach der politischen Pfeife der Herren Zeißarbeiter tanzt? Da wollen wir lieber auf solche Wohltaten verzichten und uns in einer anderen Stadt mit dem begnügen, was andere Universitäten aus sich selbst heraus zu leisten vermögen. Wir Thüringer Akademiker wollen deshalb, wenn sich derartige Vorkommnisse wiederholen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bei unseren Regierungen darauf hinarbeiten, daß der Sitz der Thüringischen Landesuniversität in eine andere Stadt verlegt wird. Auch die Carl-Zeiß-Werke haben Gegenwerte von der Universität empfangen. Der Geist der akademischen Welt ist auf sie hinüber geströmt und hat sie aus der Sphäre eines bloßen industriellen Unternehmens emporgehoben. Was würde der Verlust der Universität für sie bedeuten?

Und was ist Jena ohne seine Studenten und seine Universität?

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 27.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246815/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1919_1687.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaft#/media/Datei:Denkmal_Urburschenschaft_in_Jena_new_cut.jpg