100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Welt verändern mit Soft Power

In diesem Artikel überblickt der DVP-Vorsitzende und spätere Außenminister Gustav Stresemann die Weltlage und fragt nach Deutschlands Position hierin. Entwaffnet zu sein müsse als Chance begriffen werden, um dennoch eine „aktive Außenpolitik“ mit moralischen, wirtschaftlichen und kulturell könne Deutschland aber immer noch viel Einfluss nehmen.

Gustav Stresemann (1878-1929)

Aktive Außenpolitik.

Von Dr. Gustav Stresemann, M. d. R.

Dem alten deutschen Reich stand eine gewaltige militärische Macht zur Seite, die weiter durch Bündnisse mit militärisch gerüsteten Staaten verstärkt wurde. Seit dem Zusammenbruch dieser Macht erscheint Deutschland vielfach nur noch als Objekt der Laune und Willkür der sogenannten Siegerstaaten. Es ist unzweifelhaft, daß es eine militärische Gewalt dem ihm aufgezwungenen Willen nicht entgegensetzen kann. Daraus wird in manchen Kreisen die Folgerung gezogen, daß für Deutschland die Zeit einer aktiven Außenpolitik überhaupt vorüber sei und daß nichts übrig bleibe, als duldend entgegenzunehmen, was im Rat der heute herrschenden Staaten und der von ihnen geschaffenen Organe über Deutschlands Zukunft beschlossen wird. Also eine Politik der Resignation, wenn nicht völliger außenpolitischer Apathie, die sich ängstlich davor hütet, irgendwie Partei zu ergreifen, um Sympathie zu werben und eine vorbedachte Zukunftspolitik zu treiben.

Diese Auffassung, die zu einer Gefahr werden kann, ist unberechtigt. Sie übersieht einmal, daß der Vertrag von Versailles und die ihm folgenden Verträge mit den unterlegenen Staaten keineswegs eine neue Epoche der Entwicklung eingeleitet haben, wie es etwa nach dem Abschluß jahrzehntelanger Kämpfe der Wiener Kongress tat. Damals waren die „Freiheitskriege“ der Abschluß eines Zeitraumes von einem Vierteljahrhundert, das mit revolutionären Ideen begann und mit Kriegen ohnegleichen endete. Eine müde Welt verlangte den Frieden und fand ihn in einer langen Periode der äußeren Ruhe. In der Gegenwart ist von einer derartigen Müdigkeit der Völker nichts zu spüren. Kämpfe aller Art erschüttern die Welt, alles ist im Werden, in Gärung, in Umgestaltung. Im raschen Taumel machen einzelne Staaten verwirrende Entwicklungen durch. Ungarn verrät das deutsche Bündnis, erlebt die Periode Karolyi, stürzt dann in den Zeitabschnitt, in dem Bela Khun Moskau nach Budapest verlegt, und steht heute im Begriff, das ungarische Königtum neu zu gestalten. Fast allgemein glaubte man, daß Benizelos, der Erfüller großgriechischer Träume, auch der Abgott des griechischen Volkes sei und heute findet er sich als Verbannter fern von Athen, das schon zum Schemen herabgesunkene Königtum scheint seine Auferstehung in dem alten König Konstantin zu finden, die Rückwirkung auf die Orientpolitik beginnt sich zu zeigen. Dem polnisch-russischen Frieden folgt anscheinend der erneute russisch-polnische Krieg, der Periode Wrangel in der Krim folgt der völlige Zusammenbruch der nach Konstantinopel geflüchteten Truppen. Unfertige Gebilde in Nord- und Westrußland harren der Entwicklung, die von den allgemeinen Verhältnissen in Rußland abhängig ist. In Irland durchlebt England Kämpfe, die es kaum je in diesem Fanatismus gekannt hat. Aus Indien kommen für England beunruhigende Nachrichten, Aegypten müssen weitgehende Konzessionen gemacht werden. In Amerika bricht die Partei zusammen, die Verkünderin der Völkerbundidee war – wirklich ein Zeitalter von aufeinanderprallenden Sensationen, das deutlich alle Merkmale der Neugestaltung an sich trägt, aber nicht den Eindruck hervorruft, als wenn die Weltrevolution größten Stils auf politischem, staatlichem, sozial-gesellschaftlichem und auch auf militärischem Gebiet noch nicht abgeschlossen sei.

Stresemann vor der Hauptversammlung des Völkerbundes, 1926

Gewiß wird in einer solchen Zeit die Macht entscheiden, und Ideen werden nur eine Macht sein, wenn sie sich in die Tat umzusetzen vermögen. Aber doch gibt es Weltideen, die ihre politischen Nachwirkungen in sich tragen und Zukunftsentwicklungen vorbereiten, auch wenn ihnen in einem gewissen Zeitpunkt die Möglichkeit ihrer Durchsetzung abgeht. Es war die Entente, die das Wort von dem Selbstbestimmungsrecht der Völker in die Weltgeschichte hineingeworfen hat, um sich die geistige Grundlage für die Zerstückelung Deutschlands zu schaffen. Sie muß es erleben, daß sich dieser Gedanke heute gegen sie wendet. Er wirkt als Erreger der Beruhigung bei den kolonialen Völkern, er stärkt den Mut derer, die in Deutschösterreich, Deutschtirol und in Deutschböhmen den Anschluß an Deutschland oder zum mindesten die Autonomie in den ihnen wesensfremden Ländern verlangen. Gerade weil die feindlichen Friedensschlüsse gegen diesen Grundsatz selbst verstoßen, schaffen sie die Grundlage künftiger Neuorientierung. Und wie bedeutsam für die meisten Entscheidungen der Völker die Haltung ist, die das besiegte Deutschland einnimmt, zeigt die tiefe nachhaltige Wirkung, die die letzte Rede Dr. Simons über Südtirol in beiden Ländern, in Italien sowohl wie in ganz Tirol, hervorgerufen hat.

Denn schließlich ist das Deutsche Reich nach drei Richtungen hin nicht machtlos und nicht verpflichtet sich resigniert nur noch als Gegenstand der Politik anderer zu betrachten. Es bleibt eine große Stätte wirtschaftlicher Arbeit, ohne die der Wiederaufbau der Welt nach diesem Weltkrieg nicht vorgenommen werden kann. Das Weltansehen deutscher Arbeit wird unerschüttert wieder dastehen können, wenn wir Ruhe und Ordnung im Innern haben und dem Streikterrorismus entgegenzutreten verstehen. Die wirtschaftliche Gesundung Deutschlands ist eine Frage, an der selbst unsere Feinde wegen der von ihnen verlangten Kriegsentschädigungen aufs höchste interessiert sind. Bricht Deutschland wirtschaftlich zusammen, so zöge es in diesen Strudel andere, vor allem Frankreich, sofort mit sich. Welche Wirkungen durch wirtschaftliche Maßnahmen auch das militärisch machtlose Deutschland ausüben kann, zeigt die Warensperre gegen Polen in ihren Folgen deutlich genug.

[…]

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 28.11.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Stresemann#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1989-040-27,_Gustav_Stresemann.jpg

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