100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

War es eine „Revolution“?

Anlässlich des bevorstehenden zweiten Jahrestages der Novemberrevolution reflektiert die Weimarische Landes-Zeitung über die Ereignisse. Für das Blatt gibt es nichts zu feiern, da die Art und Weise des Zusammenbruches die Nation weiter gespalten habe.

Der "Rote Matrose" auf dem Friedhof der Märzgefallenen, Berlin

Der 9. November.

Der 9. November ist eine Aufgabe. Niemand hat Anlaß, den Tag der deutschen Revolution zu feiern, denn feiern kann man nur Errungenes; niemand hat aber auch das Recht, das Ereignis dieses Tages anzuklagen wie Errungenes; denn, was damals geschah, war Zusammensturz, nicht Umsturz. War nicht das Ergebnis eines Willens, sondern der Wille eines Ergebnisses.

Sich auszumalen, wie es hätte sein können, wenn statt der „Revolution“ eine langsame Anpassung Deutschlands an seine neuen Daseinsbedingungen erfolgt wäre, hat wenig Nutzen. Was hilft es einem Toten nachzusagen, daß er als Kranker hätte gerettet werden können, wenn die Krisis drei Tage später gekommen wäre? Das alte Deutschland war von außen schon zu schwer erschüttert, als daß es noch die Kraft zur Selbstumformung gefunden hätte; die bis zum 9. November herrschenden Gewalten waren in der entscheidenden Stunde gelähmt. Ihre Nachfolger fanden Trümmer vor, die sie nicht gewollt hatten, auf denen kaum noch ein Notbau zu errichten war. Es war eine Niederlage ohne Sieger, kein Erfolg eines Machtkampfes, sondern die Aufgabe, Macht, die von der deutschen Erde verschwunden war, von neuem zu schaffen. Die seitdem während zweier Jahre regierten, waren Kolonisatoren rein politischer Kräfte. Man kann ihre Tätigkeit anerkennen oder verurteilen, nur daß sie vielleicht Schlechteres gewaltsam an die Stelle des Besseren gesetzt hätten, kann man ihnen nicht vorwerfen. Sie setzten es an die Stelle des Nichts.

Dennoch scheint in der ersten Zeit nach dem Zusammenbruch bei der Gesamtheit des deutschen Volkes Verständnis dafür gewesen zu sein, daß gänzlich von neuem aufgebaut werden müßte. Dafür, daß eine Leidenszeit unter allen Umständen bevorstand, fehlte das Verständnis wohl selbst damals. Gewiß, die Männer, die sich zunächst an der überschweren Aufgabe versuchten, hegten und übertrugen Hoffnungen, die sich nicht erfüllen konnten. Sind sie darum Anführer? Auch im Hinblick auf den äußeren Frieden gab Deutschland sich Selbsttäuschungen hin. Aber was hätte es ihm genützt, wenn es das wirkliche Verhalten seiner Gegner hätte voraussehen können? Es hätte sich der Gewalt dennoch beugen müssen. Mit den innerpolitischen Hoffnungen steht es nicht anders. An Unmögliches geglaubt zuhaben entlastet nicht von der Pflicht, an der Erfüllung des Möglichen mitzuarbeiten.

Das Mögliche war die Errichtung eines gesetzgeberischen Gerüstes, die Herstellung einer neuen Ordnung im Grundsätzlichen; das einstweilen Unmögliche war: diese Ordnung im tatsächlichen Leben uneingeschränkt wirksam zu machen. Gerechtigkeit gebietet, zuzugeben, daß Deutschland sich nach dem ungeheuren Zusammenbruch so schnell wieder ordnete, wie unter allen vielleicht nur das deutsche Volk es vermag! Daß nach solchem Krieg, solchem Waffenstillstand, nach Straßenkämpfen in der Reichshauptstadt, in einem Land ohne alle äußeren Mittel der Staatsgewalt, ohne Heer, ohne stoffliche Bänder der Reichseinheit am 6. Februar die Nationalversammlung beisammen, drei Wochen später ein Reichspräsident, eine Regierung und eine vorläufige Verfassung vorhanden war, bleibt ein zur Ehrfurcht aufforderndes Wunder.

Seitdem ist ein äußerer Friede geschlossen, die Verfassung in Kraft gesetzt, der neue Reichstag gewählt, das neue Herr, entsprechend den Bedingungen des Friedensvertrages errichtet. Wenn selbst der Grundriß noch Lücken hat, so liegt des zum größten Teil an Tatsachen, für die das Deutsche Reich nicht verantwortlich ist. Auch heute noch weiß Deutschland nicht endgültig, wie seine Landesgrenzen verlaufen werden, noch kennt es die Höhe seiner Tributpflicht. Freilich fehlt es auch nicht an Unterlassungen, die nicht das Ausland verschuldet hat: die schwerste ist die Ungewißheit der Zahl, Umfang und Rechte der Länder und ihre Beziehungen zum Reich. Dennoch kann man sagen, daß im Grundsätzlichen der Aufbau der Republik nahezu vollendet ist. Verfassung und Gesetz haben die Aufgaben des 9. November in den Grenzen menschlicher Fehlbarkeit erfüllt. Wohl aber ist das deutsche Volk noch nicht gesundet genug, nach Gesetz und Verfassung zu leben. Noch immer werden grundsätzlich längst entschiedene Fragen als Machtfragen behandelt, noch kann ein Land die Erfüllung eines Vertragsteils verwerfen, für die das Reich verantwortlich gemacht wird noch stellen unstaatliche Mächte, Bünde und Gegenbünde, der Staatsgewalt Bedingungen, die Steuern sind beschlossen, aber sie kommen nicht ein, und der Reichswehrminister muß von einem „inneren Wettrüsten“ sprechen. Ist dies eine Folge der Revolution? Es ist eine Folge der Ursachen, zu deren Erscheinungsformen auch die „Revolution“ gehörte. …

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 7.11.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberrevolution#/media/Datei:Berlin.revolution1918.statue.jpg