100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Luise Zietz in Weimar

Die bekannte Frauenrechtlerin und USPD-Politikerin Luise Zietz besuchte für eine Abendveranstaltung die thüringische Landeshauptstadt. Die rechtsnationalistische Thüringer Tageszeitung nutzt diese Gelegenheit für eine Polemik gegen die Linkssozialistin Zietz im Speziellen und vermeintlich „unweibliche“ Frauen im Allgemeinen.

Luise Zietz (1865-1922)

Die Tage der Zietz in Weimar.

Von „A…….“

Vor längerer Zeit erschien im Verlag der „Täglichen Rundschau“, Berlin, ein Buch, das in weiten Kreisen Aufsehen erregte und den eigenartigen Titel trug: „Friedrich der Vorläufige, die Zietz und die anderen.“ Wir nehmen Gelegenheit, aus diesem Werk, das mit beißender Satire die Tagungen der Nationalversammlung zu Weimar begleitet hat, unseren Lesern einige markante Proben vorzuführen. Unter der Ueberschrift: „Der Tag der Zietz“, Weimar, den 15. Juli, schreibt der Verfasser:

„Der Genius Weimars ist durch die bekannte Grenzspende abgefunden; er hat keinerlei weitere Forderungen zu stellen. Ehern und stumm wenden Schiller und Goethe dem Nationaltheater den Rücken zu und schauen in entschwundene Zeiten, in denen der Geist von Weimar nicht von Parvenüs umhuldigt, sondern von allen Feinen und Guten gelegt wurde. Kein Hauch mehr davon in der Reichsredehalle zu spüren! Es wäre ja auch sonderbar, wenn eine Frau Zietz jetzt Goethe zitieren und die Grundrechte und Grundpflichten der beiden Geschlechter mit den Worten umschreiben wollte:

„Kraft erwart‘ ich vom Mann; des Gesetzes Würde behaupt‘

Aber durch Anmut allein herrschet und herrsche das Weib!“

Anmut ist – nach einer nicht ganz umfassenden Erklärung – die Schönheit in Bewegung. Sie fehlt der Frau Zietz neben manchem anderen, sicher. Wenn man ihr muskulöses Gesicht ohne Zucken als Sprechmaschine dienen sieht, aus der in harten Lauten immer wieder nur ein Stück Erfurter Programm hervorquillt, wenn man ihre kräftigen Arme stoßweise die Luft hämmern sieht, als wolle sie Hufeisen schmieden, so hat man unbedingt den Eindruck, daß ein Mann einem gegenübersteht, der nur in Ermangelung von Hosen sich in das lange Weibergewand geworfen hat. Auf keinen Fall vermag man sich vorzustellen, daß diese Frau jemals ein sanftes Kinderfräulein gewesen sein kann, das sogar einen Fröbelkursus hinter sich hat, wie in ihrer Lebensbeschreibung im Parlamentsalmanach zu lesen steht.

Die Damen der Gesellschaft in Weimar, für die das Theater Theater geblieben ist bestürmen einen um Karten, wenn sie glauben, die Zietz werde sprechen. Denn ihnen wolllüstigen Schauder erscheint diese Frau als eine wilde Petroleuse, die man ebenso lorguettieren muß, wie es die Damen von Versailles vor 130 Jahren taten, als „Weiber zu Hyänen“ wurden. Eine Petroleuse ist Frau Zietz aber keinesfalls. Auch nicht der Hausnarr, für den sie die Mehrheit der Kollegen in der Nationalversammlung hält, die ihre Zwischenrufe nachäfften und im Chorus mit „Hier Ziehts, Frau Zietz!“ sie schon manchmal übertäuben versuchten, dadurch aber nur erreicht haben, daß sie noch mehr aufgestachelt, in ihrem Tun bestärkt und in ihrer Selbstüberschätzung, der alle Halbgebildeten erliegen, gesteigert wird.

Nein, sie ist keine Petroleuse. Sie ist eine etwas beschänkte Proletarierfrau, die von Mutter Natur – um mit Weininger zu sprechen – männliche Moleküle mitbekommen hat und in ihrem männlichen Amt als Parteisekretär immer noch mehr verholzt ist. Es fehlt ihr auch nicht an einem guten Einwurf in die Debatte. Es handelt sich heute, wo sie wieder zu Worte kommt, bei den in der Verfassung „zu verankernden“ Grundrechten des Deutschen auch um die Grundrechte der Frau … Frau Zietz findet heute die geschickte Wendung, daß mindestens die gleiche vaterländische Last wie der Heeresdienst der Männer und im Jahrhundertdurchschnitt mindestens ebenso lebensgefährlich die Mutterschaft der Frau sei: das mache sie gleichberechtigt, das zwinge zum Niederreißen auch der letzten Schranke. Der Einwurf, so durchschlagend er auch im Augenblick erscheint, ist freilich nur ein Blender. Frau Zietz bestätigt doch damit gerade die Verschiedenheit der Geschlechter: der Mann wird nie Kinder kriegen, die Frau nie die Waffe tragen; Schützer des umfriedeten Heims ist und bleibt der Mann, und nicht draußen, sondern „drinnen waltet die züchtige Hausfrau“, hinaus ins feindliche Leben muß immer noch vorzugsweise der Mann … …

Der Schluß des Tages gehört erneut der handfesten Frau Zietz, die mit einer Eindeutigkeit, die man sonst nur in vorgerückter Männergesellschaft findet, für die Beseitigung aller Zwangsmaßnahmen gegen Prostituierte eintritt. „Wenn du wissen willst, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Männern an“, muß man wohl heute den Vers variieren. Die Männer, vor allem Fehrenbach und Kahl, fallen der Zietz entsetzt ins Wort. Aber hart und unerbittlich reckt sie ihre Faust. Was wahr sei, sei doch wahr. Sie ist erstaunt über die Zimperlichkeit des anderen Geschlechtes.

In ähnlicher, unerbittlicher Satire führt uns der Verfasser die Galerie der neudeutschen parlamentarischen Charakterköpfe vor, so daß keiner unbefriedigt das Buch beiseite legen wird, wenn er nicht gerade zur politischen Verwandschaft der „Besungenen“ gehört!

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 12.9.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Zietz#/media/Datei:ZietzLuise.jpg