100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Revolution und Demokratie 1918/1919 – Der Einzug der Moderne in die Provinz. Am Beispiel Nordhausen


Im Rahmen des Projekts Moderne in der Provinz, haben Studierende der Hoschule Nordhausen in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Nordhausen und der Flohburg Nordhausen untersucht, wie die Umbruchphase zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik in der Region ablief. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden anschließend im Stadtmuseum Nordhausen, der "Flohburg" ausgestellt.

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Eine Bannerausstellung braucht einen Anlass und Partner

Anlässlich des 100. Jahrestages der Novemberrevolution von 1918, in deren Folge die Weimarer Republik gegründet wurde, hat der Landesverband Thüringen im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. zusammen mit dem Verein Weimarer Republik e.V. und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen zur Mitarbeit am Projekt „Revolution und Demokratie – Der Einzug der Moderne in die Provinz“ aufgerufen.

Diesem Aufruf folgend hatte die Zusammenarbeit zwischen der Hochschule Nordhausen, dem Stadtarchiv Nordhausen und der Flohburg|Das Nordhausen Museum das Ziel, die aktuelle Forschungsfrage, inwieweit die Novemberrevolution 1918 in Großstädten wie Kiel und Berlin auch in die kleineren Städte getragen und von ihnen mitgetragen wurde, auch für Nordhausen zu beantworten. Die Ergebnisse sollten in einer informativ und leicht verständlich gemachten Ausstellung gezeigt werden, denn Wissenschaft sollte alle etwas angehen. Sie sollte Rückschlüsse aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lassen und die Debattenkultur anregen.
Antragsteller und Veranstalter der Ausstellung und der begleitenden Vortragsreihe war das Stadtarchiv, das auch die Forschungsarbeiten logistisch unterstützte. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs halfen bei der Recherchearbeit im Archiv und bei der Ausstellungsgestaltung. Zudem wurde im Rahmen des Projekts durch die Semesterpraktikantin Saskia Zweck die Retrokonversion des älteren Findmittels zu einer Online-Datenbank (betr. StadtA NDH, Best. 9.8.1. Sammlung zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Stadt und Kreis Nordhausen) erstellt.

Eine Bannerausstellung braucht Rahmenbedingungen, Identifikationsstiftung zum Thema und Impulse für den Schreibanlass
Die Forschungsarbeiten erfolgten im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsseminars, das die Hochschule Nordhausen als Projektpartnerin im Sommersemester 2018 als Wahlpflichtmodul für die Studierenden des Bachelorstudiengangs Öffentliche Betriebswirtschaft/Public Management und des Masterstudiengangs Public Management & Governance anbot. Geleitet von der Historikerin Dr. Marie-Luis Zahradnik hatte das Seminar zum Ziel, wesentliche Methoden der Geschichtsforschung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Umbrüchen und deren Nachwirkungen zu vermitteln und Ergebnisse für die aktuelle Forschungsfrage zu erarbeiten.
Einführend wurde das Anliegen des Seminars, Vorgaben, Rahmenbedingungen zur Ausstellung sowie inhaltliche und zeitliche Ziele vorgestellt, hier die Themenbereiche im Überblick:

  • Erster Weltkrieg im Überblick
  • Nordhausen gegen Ende des Ersten Weltkrieges
  • Medien und Massenkultur – Die Novemberrevolution in den Medien“
  • Novemberrevolution 1918 – Oskar Cohn und die Stimmen der Bevölkerung
  • Novemberrevolution 1918 – Aufbruch, Durchbruch, Zusammenbruch
  • Nordhausen in den Zeiten der Revolution: „Die Macht der ASR“
  • Die Nationalversammlung und die junge Weimarer Republik
  • Gründung des Thüringer Freistaates – Das Ende der thüringischen Kleinstaaterei
  • Überreste der Weimarer Republik in der kommunalen Erinnerungsarbeit


Die Aufarbeitung der Forschungsfrage gebot die Anwendung einer induktiv-überprüfenden und vergleichenden Methode. Bevor die Studierenden zumeist in Zweiergruppen je eines der vorgestellten Themenbereiche auswählten, konnten sie bei der Exkursion zur Fachtagung „Das lange Ende des Ersten Weltkriegs. Europa zwischen gewaltsamer Neuordnung und Nationalstaatsbildung“ der Stiftung Ettersberg und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen im April 2018 mit Hilfe der Vorträge, Materialansicht und Gespräche mit den geladenen Fachexperten und anderen Besucherinnen und Besuchern in die Geschichte eintauchen und zu ihrem Thema nähere Informationen und Ideen sammeln. Ein wichtiger Lernort außerhalb der Hochschule war das Nordhäuser Stadtarchiv. Ende April 2018 gab Archivleiter Dr. Wolfram Theilemann mit seiner Führung durch das Archiv und das Magazin den Start für die Quellenrecherche und Arbeit im Archiv. Das Team des Archivs war für die Studierenden zu jeder Zeit ein verlässlicher Ansprechpartner. Zu jedem weiteren Seminartermin wurden neben der Lehrstoffvermittlung auch Impulsreferate zu den nun festgelegten Themabereichen gehalten, um Ideen zur Herangehensweise sowie erste Ergebnisse zur Quellenrecherche vorzustellen sowie über die Gestaltung der Banner zu sprechen. Die Studierenden konnten so sowohl innerhalb der Gruppe als auch mit anderen Gruppen die Themen ein- und abgrenzen. Natürlich wurden in Einzelterminen die Arbeiten weiter betreut. Die Texte wurden dann mit Ende des Seminars Anfang Juli 2018 abgegeben und nach der Korrektur zum Setzen und Layouten und schließlich in Druck gegeben. Die Studierenden haben das geschichtliche Thema und seinen Bezug zur Gegenwart so greifbar wie möglich gemacht. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden kreativ und textlich auf rund 11 Bannern (60 cm x 120cm) gestaltet. Da viele Informationen aus den Zeitungen der damaligen Zeit herangezogen wurden, u. a. wurden auch die lokalen und überregionalen Medien und deren Wirkung zu jener Zeit in einem Banner bearbeitet, wurde der Hintergrund der Banner, Plakate und Flyer sowie des späteren Heftes einheitlich in gedeckten hell-gelbgrau-Tönen mit Zeitungsblattausschnitten und mit in Rot gehaltenen Überschriften, als Wiedererkennungsmerkmal der Revolution und der politischen Stimmung zu jener Zeit, gewählt.

Eine Bannerausstellung machen, ist eine kreative Arbeit, die Raum braucht

Die Sonderausstellung wurde von Dr. Marie-Luis Zahradnik kuratiert und in der FLOHBURG|Das Nordhausen Museum vom 21. Februar 2019 bis 30. März 2019 gezeigt. Zwar musste durch einen unvorhergesehenen Wasserschaden der eigentliche Ausstellungstermin im November 2018 kurzfristig verschoben werden, doch ist es für das Thema Geschichte und Demokratie besonders in der jetzigen Zeit nie zu spät.

Die Nischen-Architektur des Sonderausstellungsraums bot die Möglichkeit, die Themen in fünf Bereiche textuell und räumlich mit je zwei Bannern zu separieren und damit geschichtliche (Lern-) Stationen einzurichten. So konnten die Themen sowohl in einem großen Raum vereint präsentiert werden als auch für sich wirken.

Zwei „Installationen“ sollten szenische Betrachtungs- und Wirkungspunkte in der Ausstellung sein. Die erste Installation war die „Soldatenkammer“ recht spärlich ausgestattet mit alten Holzstühlen, auf denen eine Ölkanne, ein Kriegstagebuch, vergilbte Zettel und ein heruntergeschriebener Bleistift lagen. Über den Stühlen hingen eingerahmte Bleistiftzeichnungen von Szenen in einer Soldatenkammer im Ersten Weltkrieg, gemalt vom Soldaten und Maler Friedrich Dornbusch. Es sollte der Eindruck auf den Betrachtenden geweckt werden, dass der Soldat eben den Stuhl und die Kammer verlassen hatte. Ob für immer oder nur für einen Moment?

Themenbereiche „Erster Weltkrieg im Überblick“ und „Nordhausen gegen Ende des Ersten Weltkrieges“ (© Foto: Marie-Luis Zahradnik)

Die Installation sollte einen visuell weichen und nachempfindbaren Übergang von den Themenbereichen „Erster Weltkrieg im Überblick“ und „Nordhausen gegen Ende des Ersten Weltkrieges“ über die Portrait-Galerie „Erinnern und Gedenken an die gefallenen Soldaten aus Nordhausen“ zum Themenbereich „Überreste der Weimarer Republik in der kommunalen Erinnerungsarbeit“ ermöglichen.

Die zweite Installation stellte eine „Büro-Situation“ dar. Aus dem DIN A 3-Foto eines Bürofensters konnte der Betrachtende das Nordhäuser Rathaus um 1919 sehen. Das Büro war mit einem alten Tisch und alten Stühlen bestückt. Auf dem Tisch befanden sich Kaffeetasse mit Kaffeesatz, Aschenbecher, Pfeife und Tabakbeutel, vergilbtes dünnes Papier, Bleistifte und eine alte Schreibmaschine, auf der der Text des Anführers der Jung-Spartakisten Karl Leukefeld aufgezogen war. Ein alter blauer Kittel war über einen Stuhl am Tisch gelegt. Die Situation wirkte, als wäre der Autor des Schreibmaschinentextes gerade aus dem Büro gegangen und gewährt dem Ausstellungsbesucher einen Blick auf seinen Text, auf seine Gedanken über die erlebte Novemberrevolution.

Die Revolution war nicht nur auf den Straßen und Plätzen, sondern auch in den Köpfen, in den Gedanken der Menschen und in Worten auf dem Papier. Die eher lockere Büro-Situation wirkte scheinbar beruhigend zwischen den eher bewegten und spannenden Themenbereichen über „Novemberrevolution 1918 – Aufbruch, Durchbruch, Zusammenbruch“, „Nordhausen in den Zeiten der Revolution: Die Macht der ASR“ bis zu „Nationalversammlung und die junge Weimarer Republik“ sowie „Gründung des Thüringer Freistaates – Das Ende der thüringischen Kleinstaaterei“.

Durch die thematische Abgrenzung in Nischen und durch weiße Säulen, konnten die Besucher die Themen, die sie weniger interessieren, schnell hinter sich lassen und die für sie wissenswerten Themen schneller anvisieren. Ebenso war die räumliche Struktur für das Stationenlernen, für Partner- und Gruppenarbeit von Schulklassen geeignet, die den musealen Sonderausstellungsraum als außerschulischen „Lernort“ nutzen wollten. Die Mitte des großen Ausstellungsraums war günstig für die Arbeit und Veranstaltungsdurchführung direkt in und mit der Ausstellung, ohne Trennung von Bannern und Objekten und der Wirkung der Ausstellung, auf andere Räume ausweichen zu müssen. Auch die Bestuhlung konnte nach Bedarf einfach zusammengestellt werden. So konnte ein großzügiger Stuhlkreis für Gruppengespräche und eine Reihenbestuhlung bei Vortragsveranstaltungen eingerichtet werden.

Viele Objekte, besonders zu den Themenbereichen „Erster Weltkrieg im Überblick“ und „Nordhausen gegen Ende des Ersten Weltkrieges“ zumeist mit regionalem Bezug wurden von dem Stadtarchiv Nordhausen, dem Depot der Nordhäuser Museen und als private Leihgaben zur Verfügung gestellt. Nach dem „Eisenhower-Prinzip“ (wichtig und dringend; wichtig, aber nicht dringend, etc.) wurden die Objekte für die sechs Vitrinen und zwei szenischen Installationen in einer Objektliste erfasst und den Themenbereichen zugeordnet.

Themenbereich "Weimarer Republik" (© Foto: Foto: Marie-Luis Zahradnik)

Die textuelle Beschaffenheit der Ausstellung wurde mit rund 60 Ausstellungsexponaten ergänzt und aufgelockert. Wenn möglich, nahmen die Bannertexte direkten Bezug auf die Ausstellungsobjekte, um die Geschichte durch das Sachzeugnis nachvollziehbar und erlebbar zu machen, als Quelle für die Darlegung heranzuziehen und den Objekttext in den Vitrinen auf das Nötigste zu begrenzen. Die weißen Säulen als Deckenträger im Raum wirkten durch das Bestücken mit Textauszügen aus der Weimarer Verfassung von 1919, hier „Die Grundpfeiler des Gesetzes“, und mit Wahlplakaten von 1919, hier wie „Litfaßsäule“, wie aus vergangenen Zeiten, passend zum Themenbereich „Nationalversammlung und die junge Weimarer Republik“.

Der Ausstellungsraum hatte auch eine hintere wenig für die Themenbereiche nutzbare Ecke, dort wären die Banner zu weit weg von den anderen gewesen, und daher schnell übersehen worden. Sie wurde als „Lese-Ecke“ eingerichtet. Auf zwei Stellwänden wurden Buchempfehlungen zu aktuell erschienen Werken gegeben. Auf zwei Stehtischen wurden weitere Bücher zu den Themen Novemberrevolution und Weimarer Republik zum Lesen vor Ort (auf Stühlen im Ausstellungsraum oder in der Cafeteria im Museum) und als Leseimpulse für zuhause angeboten.

Eine Bannerausstellung braucht Offenheit und Öffentlichkeit Über die verschiedenen Etappen des Projektes wurden mehrere Presseartikel für die lokalen und überregionalen Zeitungen und die Internetseite der Hochschule herausgegeben, um die Öffentlichkeit zu informieren und auf die Ausstellung neugierig zu machen. Durch die von Studierenden durchgeführte Befragung zum Thema wurde festgestellt, dass nur wenige Befragte, vornehmlich Nordhäuser, in verschiedenen Alters- und Lebensstufen Aussagen über die Ereignisse des Ersten Weltkrieges, über die anschließende Zeit der Revolution oder die Gründung der Weimarer Republik machen konnten, und noch weniger Wissen in Bezug auf die städtische Geschichte zu dieser Zeit vorweisen konnten. Diese Feststellung wurde zum Anlass genommen, in den Presseartikeln Näheres über die geschichtlichen Ereignisse und vorgenommenen Gegenwartsbezüge zu berichten und auch die Planung der Veranstaltungen, wie Vorträge, darauf auszurichten. Um die Debatten- und Bildungskultur rund um das Thema der Bannerausstellung mitzugestalten, referierte Privatdozent Dr. Stefan Gerber (Universität Jena) über die Revolution und Gründung Thüringens. Der Abend wurde dankenswerterweise ebenso vom Weimarer Republik e.V. finanziert. Zudem wurden Hörbeiträge von verschiedenen Radiosendern (Radio Enno, MDR-Radio, …) aufgenommen und ausgestrahlt.

Das Thema und die Bannerausstellung nachhaltig machen

Um auch nach der Sonderausstellung, Wissenswertes über die Thematik der interessierten Leserschaft weiterhin zugänglich zu machen, können die Banner von der Stadt Nordhausen leihweise an anderen Orten (als Wanderausstellung) ausgestellt werden. Ebenso wurden vom Stadtarchiv Nordhausen und vom Nordhäuser Geschichts- und Altertumsverein e. V. weitere Fördermittel vom Weimarer Republik e. V. eingeworben. In der Schriftenreihe „Heimatgeschichtliche Forschungen des Stadtarchivs Nordhausen/Harz“ (Nr. 11) befinden sich nicht nur die Aufsätze von den teilnehmenden Studierenden des interdisziplinären Forschungsseminars und den Mitwirkenden des Stadtarchivs, sondern auch eine kurze kritische Abfassung zum Thema „Diktatur im Herzen Europas?“ des Nordhäuser Gymnasiasten und Teilnehmender von „Jugend debattiert“ 2018 Konrad Feil sowie ein Interview mit Dr. Thomas Herntrich, der sich in seiner Dissertation „Thüringen: Von den thüringischen Kleinstaaten nach Zerfall des Alten Reiches bis zum Freistaat Thüringen – Eine völkerrechtliche und verfassungsrechtliche Betrachtung“ u. a. mit der Gründung Thüringens intensiv befasste.

Um zu zeigen, wie schwer unsere Demokratie erkämpft wurde und welche Perspektiven sich aus der Vergangenheit für die Zukunft ergeben, musste zunächst aufgezeigt werden, welche Umstände und Auslöser in der Vergangenheit für das Umdenken und den Schritt zur Demokratie verantwortlich waren. So beschäftigten sich die Studierenden Adrian Ißler, Maya Bause und Anke Mühlen mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, mit der Lage der Bevölkerung im Deutschen Reich und in Nordhausen. Der Vergleich der sozialen und wirtschaftlichen Lage im Reich und in Nordhausen half, nachzuvollziehen, wie Politik sich auf Menschen und ihre Lebensumstände auswirkte, in welchem Umfang in Nordhausen die Gesetze und Zwangsmaßnahmen der Reichsregierung umgesetzt wurden. Aber ganz besonders half ein Vergleich, um für die anderen Themen der Arbeitsgruppen Hinweise zu geben, warum die Revolution anders als in Kiel oder Berlin in Nordhausen unblutig und schnell in geregelte Bahnen verlief.

Abb.: Am Eingang der Bannerausstellung wurden die Themenbereiche „Erster Weltkrieg im Überblick“ und „Nordhausen gegen Ende des Ersten Weltkrieges“ gefolgt von der Installation „Soldatenkammer“ und der Soldatenportraits zum „Erinnern und Gedenken“ platziert (Fotos: Dr. Marie-Luis Zahradnik, 2018/2019)

Ohne Frage, die Revolution zählt zu einem Meilenstein in der Geschichte der deutschen Freiheitsbewegung. Doch auch die Revolution und der Krieg zuvor hatten ihre Opfer und so wurde auch die Erinnerungsarbeit zum Ersten Weltkrieg und zur Novemberrevolution von der Nachkriegszeit, über die DDR-Zeit bis hin zur Gegenwart von Lisa Diederich und Saskia Zweck beleuchtet, um über die Geschichte eine Perspektive für Demokratie und Erinnerungskultur zu geben. Dazu wurde auch eine Befragung durchgeführt, um das allgemein vorherrschende Wissen und das Erinnern an den Ersten Weltkrieg und an die Novemberrevolution exemplarisch darzustellen und Perspektiven für die zukünftige Arbeit in der Erinnerungskultur zu geben.

Themenbereiche „Medien und Massenkultur – Die Novemberrevolution in den Medien“ und „Novemberrevolution 1918 – Oskar Cohn und die Stimmen der Bevölkerung“ (© Foto: Marie-Luis Zahradnik)

Für eine kritische Auseinandersetzung über die Frage nach Schuldigen und einer Alternative zur Monarchie für den Neuanfang im Deutschen Reich war der Antimilitarist und Anhänger des jüdischen Glaubens Oskar Cohn in den Nordhäuser Zeitungen präsent und zugleich für manche Aussage umstritten. Er hielt bereits 1911 eine Ansprache vor der Nordhäuser Bevölkerung und wurde durch die dortige Generalversammlung der Sozialdemokraten einstimmig als Reichstagskandidat gewählt. Wie die Arbeit der Studentinnen Christina Prautsch und Kira Sattler zeigte, war an Oskar Cohn gut zu skizzieren, welche Wirkung und Macht Medien zu jeder Zeit hatten. Die Nordhäuser Zeitungen sind ein Spiegelbild der politischen Lager der Stadt, Stimmungsbarometer und als wichtige Quellen zugleich Träger der Geschichte. Und so setzte sich die Arbeitsgruppe von Antonia Bötticher und Franziska Fischer mit der Medienpräsenz in der Stadt als auch mit der Sammelkultur in jener Zeit auseinander, allein um einen Bezug zu den Ausstellungsexponaten zu schaffen und zu zeigen, wie die Informationen um die Revolution über die Zeitungen Verbreitung fanden.

Auch in den letzten Kriegstagen im Deutschen Reich war die Bevölkerung kriegsmüde und vom entbehrungsvollen Kriegsalltag mit Hunger und Not gekennzeichnet. Menschen hatten Verluste und Leid für eine Monarchie auf sich genommen, an die sie mit den zunehmenden Kriegsniederlagen nicht mehr glaubten, die sie nicht mehr wollten. Allen voran standen in den ersten Novembertagen 1918 die Matrosen in Kiel. Die linksorientierten und kriegsgegnerischeren Parteien sowie die in Organisationen aktive Arbeiterschaft in den Großstädten, die die Menschen dazu motivierten, sich gegen Militarismus und Monarchie und für den ersehnten Frieden einzusetzen. Bereits im Oktober waren Reformen hin zum Parlamentarismus notwendig, um überhaupt nach den Vorgaben der Wilson-Noten für Friedensverhandlungen eintreten zu können und damit dem Frieden näher zu kommen – oder Zeit für neue Kriegsstrategien der Obersten Heeresleitung zu gewinnen. Das Kriegsende war an eine Demokratisierung gebunden, denn die Triple Entente und ihre Verbündeten verhandelten nicht mit Monarchen, sondern mit gewählten politischen Vertretern eines Volkes. Nicht nur der Druck zur Erneuerung von außen, sondern auch die gesellschaftlichen Unruhen im Land und die dann folgende Novemberrevolution beschleunigten die politischen Reformen im Deutschen Reich und damit auch den Eintritt in den Frieden.

Revolutionen können Wegbereiter für Neues sein, besonders wenn ein überholtes politisches oder herrschaftliches System von der Mehrheit der Gesellschaft nicht mehr mitgetragen wird. Mit dem Themenabschnitt einleitend zur Novemberrevolution befasste sich Philipp Beyer und arbeitete heraus, dass Revolutionen Chancen bieten, in kurzer Zeit provisorisch eine politische Erneuerung zu schaffen, die einen Übergang in eine regelmäßige Ordnung für Gesellschaft und Politik ermöglichen kann.

In der Arbeit von Christoph Busch und Armin Menzel wurde der Fokus auf die politische Kraft des Arbeiter- und Soldatenrates sowie auf die wenigen aus Quellen bekannten Akteure in den Revolutionstagen in Nordhausen gelegt. Zwar folgten rund 10.000 Nordhäuser am 11. November 1918 dem Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates zur Versammlung in der Grimmelallee vor dem Gasthaus „Drei Linden“, doch wurde die anfängliche Kraft von den Verantwortlichen des Rates als historische Chance für ein demokratisches Deutschland nicht genutzt. Also war es für die Nordhäuser Verhältnisse eher eine „Revolution der Besonnenen“?

In der Aufarbeitung wurde deutlich, dass die Verantwortlichen in der ehemals kaiserlich-preußisch-geprägten Verwaltung und die sonst dort Tätigen nicht gleich ausgewechselt wurden, sondern sie führten die Verwaltungsarbeit unter neuen Richtlinien und unter der Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrates fort. Es ging darum, die Stadt wieder regierbar zu machen. Die Zusammenarbeit beider verlief ohne besondere Reibungen, sodass in den Tagen nach der Revolution, während des Übergangs hin zur ersten deutschen parlamentarischen Republik sowie in der Nachkriegszeit die Verwaltung der Stadt Nordhausen so ein relativ fester Anker für Sicherheit und geregelte Versorgung war. Nicht nur die Stadtpolitik wird in den Blick genommen, sondern auch Verhandlungen mit Unternehmen in der Stadt. Das Exekutiv-Komitee als Ausführungsorgan des Arbeiter- und Soldatenrates verhandelte mit Unternehmen der Tabakindustrie, damit den Arbeitnehmern ein durchschnittlicher Lohn weitergezahlt wurde, obwohl die Unternehmen teilweise aufgrund des Mangels an Energie und Rohstoffen nicht produzieren konnten. Hierin können erste Anfänge der heute vertretenen Betriebsrisikolehre gesehen werden, wonach der Arbeitgeber das Betriebsrisiko bei Lieferengpässen und Energiemangel trägt (§ 615 BGB) und daher dem Arbeitnehmer trotz nicht erbrachter Leistung Lohn schuldet.

Bremsend auf die Revolutionsbewegung wirkte als Pendant zum Arbeiter- und Soldatenrat der Bürgerrat, der in Nordhausen im November 1918 gegründet wurde. Das Bürgertum wollte auch Anteil an der Umwälzung nehmen und den Arbeiter- und Soldatenrat beim Neuaufbau unterstützen. Aber es ging auch um die Wahrung der bürgerlichen Rechte und der Gleichberechtigung des Bürgertums sowie das Abwenden einer proletarischen Diktatur.
Das rege soziale und caritative Engagement von ortsansässigen Wohltätigkeitsvereinen und auch von Fabrikbesitzern und die städtische Hilfe milderten die Sorgen der Nordhäuser Bevölkerung und so wurde der revolutionären Stimmung in der Stadt wenig Resonanz gegeben. Weitere Indikatoren, die für einen besonnenen Revolutionsverlauf sprechen, aber aufgrund von fehlenden Quellen nicht belegbar sind, war die ländliche Lage der Stadt. Bis in die 1925er Jahre hinein gab es eine ausgewogene Agrarversorgung. Die seit Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommenden und beliebten Schrebergärten in Nordhausen ermöglichten eine Selbstversorgung.

Zudem löste sich der Arbeiter- und Soldatenrat bereits im Frühjahr 1919 wieder auf. Selbst auf parteilicher Ebene konnte in der Stadt Nordhausen – anders als in Berlin – von einem fassbaren linken Flügel der USPD nicht ausgegangen werden. Einzelne radikale Aktionen bestimmten letztlich nicht den Ablauf der Revolution in der Stadt.

In das Thema der Ausstellung waren auch die Gründung der Weimarer Republik, die Deutsche Verfassung und die Gründung Thüringens miteingebunden. Parallel zur Weimarer Nationalversammlung wurde die Gründung des Freistaates Thüringen vorbereitet. Im größeren Ausmaß griffen die Ideen zur Demokratie auch auf die bestehenden Landeshoheiten über. Mit der Abdankung der Monarchen konnte sich das Land Thüringen am 1. Mai 1920 gründen. Rund 70 bis 80 Prozent der verfassungsrechtlichen Grundlage unseres heutigen Grundgesetzes ist von der Weimarer Verfassung entlehnt. Doch verdeutlichte der Abschnitt auch, wie die „Säulen der Demokratie“ einstürzen können, weil es zu wenig Demokraten im Land gab, die sie stützten, und die noch monarchischen Züge in der Verfassung für die Errichtung einer Diktatur missbraucht wurden.

Worte des Dankes richten sich an die Studierenden der Hochschule Nordhausen, die mit Neugier auf ein etwas anderes Seminar und regem Interesse am Projekt sich mit Engagement für ihr Thema begeisterten. Ohne die finanzielle Unterstützung wäre das Vorhaben nie umgesetzt worden. So gilt auch ein herzlicher Dank allen Förderern: dem Landesverband Thüringen im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V., dem Weimarer Republik e.V. und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Dr. Marie-Luis Zahradnik, Hochschule Nordhausen