100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Moderne in Rudolstadt

Im Rahmen des Projekts Moderne in der Provinz, hat der Weimarer Republik e.V. die Geschichte des demokratischen Neubeginns in Schwarzburg-Rudolstadt im Zuge der Novemberrevolution untersucht und aus den gewonnen Erkentnissen eine Ausstellung ertsellt. Das Projekt wurde aus Mitteln der Sparkassen-Kulturstiftung realisiert.

Ein Projekt von

 

 

Gefördert durch

Staatsgeschäfte im Urlaub
Friedrich Ebert und die Weimarer Verfassung

Friedrich Ebert (Zweiter v. rechts) mit seiner Ehefrau Louise (Dritte v. rechts) in der Sommerfrische in Schwarzburg. (© SZ-Photo)

Der Verfassungsausschuss hatte nach scheinbar endlosen Diskussionen über die Inhalte und Artikel sein Ziel erreicht. Am 31. Juli 1919 kam es zur Abstimmung über die Verfassung in der Weimarer Nationalversammlung. Das Votum fiel dabei eindeutig aus: Mit 262 gegen 75 Stimmen und einer Enthaltung wurde für das Werk votiert – oder wie es der Reichstagspräsident Constantin Fehrenbach kurz darauf verkündete: »Das Verfassungswerk ist deshalb angenommen «. Was noch fehlte, war die Unterschrift von Reichspräsident Friedrich Ebert. Der weilte aber seit dem 29. Juli im beschaulichen Schwarzburg, um sich von den Strapazen der Arbeit zu erholen.

Gruppenbild vor dem Hotel Weißer Hirsch: Louise und Friedrich Ebert (r.) mit Reichskanzler Gustav Bauer und dessen Ehefrau Hedwig (© Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte)

Die Villa »Schwarzaburg« am Schlossberg gehörte zum Hotel »Weißer Hirsch«. Der Reichspräsident war aber nicht allen Schwarzburgern willkommen. Immer wieder fanden sich Schilder mit der Aufschrift »Zur Sattlerei«, in Anspielung auf Eberts frühere Tätigkeit als Handwerker. Aus Weimar kamen fortwährend Minister angereist, sodass Schwarzburg zum kurzzeitigen Regierungssitz wurde. Der angenommene Verfassungsentwurf wurde dem Reichspräsidenten per Kurier geschickt. Wo nun Ebert aber am 11. August 1919 das Dokument tatsächlich unterschrieb, ist heute nicht mehr bekannt. Geschah es direkt im Hotel »Weißer Hirsch« oder der Villa »Schwarzaburg«? Angeblich, so behauptete später der Sohn des Besitzers des »Weißen Hirsches«, habe der Reichspräsident im Jägerzimmer des Hotels die Verfassung unterschrieben. In jedem Fall wurde der 11. August zu einem Feiertag erklärt. Die Weimarer Reichsverfassung trat drei Tage später in Kraft.
Steine auf der Schlossterrasse und ein Gedenkstein im Kurpark erinnern noch heute an dieses wichtige Ereignis der deutschen Demokratiegeschichte. So finden sich auf den der Schlossterrasse Hinweise auf einzelne Artikel der Verfassung.

Der letzte Bundesfürst
Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt

Blick aus dem Schlosshof auf den Turm der Heidecksburg (© SZ-Photo)

Demonstrationen finden am 9. November 1918 in vielen Deutschlands statt. In Berlin wird die Republik ausgerufen, Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung gedrängt. Doch Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt geht lieber seiner Jagdleidenschaft nach und schießt einen stattlichen 16-Ender. Er war der letzte deutsche Bundesfürst, der infolge der Revolution 1918/19 seinen Rücktritt erklärte.
Geboren am 21. August 1852 als Sohn des Prinzen Adolph von Schwarzburg- Rudolstadt und dessen Frau Prinzessin Mathilde. Der Fürst besuchte ab 1868 das Vitzthumsche Gymnasium in Dresden und damit eine öffentliche Schule. Seine Eltern erhofften sich, dass der wortkarge, ruhige und eher zurückgezogene Junge dadurch etwas mehr »Lebendigkeit« gewinnt. Als der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 ausbrach, meldet er sich freiwillig und wurde bald zum Offizier befördert. Anschließend folgte ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Leipzig. Doch ab 1874 wird Günther wieder aktiver Offizier und blieb es bis zum Januar 1890. Die Regierungsgeschäfte des Fürstentums übernahm er mit dem Tod seines Vetters Georg von Schwarzburg-Rudolstadt. Für ihn war dieses Amt aber eher eine Last. Er mied öffentliche Auftritte und Ansprachen. Ende 1891 heiratete Günther seine Cousine Anna Luise von Schönburg-Waldenburg. Die Ehe wird glücklich, aber kinderlos bleiben.

Blick in die Rüstkammer von Schloss Schwarzburg im Thüringer Wald, Stammsitz der Grafen und Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt. (© SZ-Photo)

Als 1909 auch Fürst Karl Günther von Schwarzburg-Sondershausen ohne Nachkommen stirbt, ging diese Linie in Personalunion auf Günther über. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 wäre Günther gern mit seinen Truppen ins Feld gezogen. Während der Revolution von 1918/19 zwangen keine radikalen Kräfte den Fürsten zum Verzicht auf den Thron, da die Aufhebung der Regentschaft auf parlamentarischem Weg vollbracht wurde. Die Abdankung erfolgte am 23. November 1918 mit folgenden Worten: »Nachdem Seine Majestät der Deutsche Kaiser die Regierung niedergelegt hat (…), haben Wir Uns entschlossen, die Regierung im Fürstentum Schwarzburg- Rudolstadt niederzulegen und für Uns und Unser Fürstliches Haus auf die Krone zu verzichten.« Das Fürstenpaar behielt Schloss Schwarzburg und bekam eine Jahresrente. Am 16. April 1925 starb der letzte Bundesfürst in seiner Winterresidenz Sondershausen im Alter von 72 Jahren an Herzschwäche.

Rechtsstreitigkeiten
Ex-Fürst gegen das Land Thüringen

Fürst Günther Viktor von Schwarzburg (© Regionalmuseum Bad Frankenhausen)

Das Abfindungsgesetz zwischen dem Fürsten Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt und der Übergangsregierung von Schwarzburg- Rudolstadt wurde am 22. November 1918 geschlossen. Der Fürst gab seinen gesamten Domänengrundbesitz von 22.000 Hektar an den Staat ab. Dazu gehörten die Schlösser Heidecksburg, Rathsfeld und Schwarzburg sowie die Münzsammlung in Schwarzburg. Die Waffensammlung des Zeughauses in Schwarzburg sollte nach dem Tod des Fürsten ebenfalls an das Land fallen. Im Gegenzug wurden Günther Victor und seiner Familie die Nutzung der Schlösser und eine jährliche Rente in Aussicht gestellt.
Mit dem neuen Freistaat Schwarzburg-Sondershausen konnte am 7. Januar 1919 ein ähnliches Abkommen geschlossen werden. Der Domänengrundbesitz von 24.600 Hektar und damit auch die Schlösser in Sondershausen und Gehren gingen auf das Land über. Jagdrechte, Wohnrecht und eine jährliche Rente in Höhe von 360.000 Mark waren die Gegenleistungen des Landes.

»Günther mit dem von ihm am 9. November auf Sonnenwalde erlegten 16-Ender« (© Foto: Fürstin Anna Luise von Schwarzburg; Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Rudolstadt)

Die Inflation und die Entwertung der Rente führte zu ersten Streitigkeiten. Der einstige Fürst sah sich gezwungen, Kunstgegenstände aus seinem Privatvermögen zu veräußern, zugleich bat er das Land Thüringen bereits 1920 um finanzielle Hilfe, die aber abgelehnt wurde. Im Anschluss strengte er eine Klagewelle an. In dieser ging es vor allem darum, die 1918/19 vereinbarte Regelung über die Abgabe des Domänengrundbesitzes rückgängig zu machen. Das Land Thüringen zeigte sich nicht verhandlungsbereit. Indes spitzte sich die wirtschaftliche Situation für Günther Victor immer mehr zu.
Im Frühjahr 1923 hatte seine Rente von 360.000 Mark nur noch einen Nominalwert von 12 Dollar! Da das Land Thüringen von seiner Position nicht abrückte, lief alles auf einen Vergleich hinaus. Noch bevor ein endgültiges Urteil gesprochen wurde, starb Günther Victor am 16. April 1925. Seine Frau Fürstin Anna Luise führte als Alleinerbin die Prozesse weiter. Beide Parteien einigten sich nach 15 Prozessen 1928 auf einen Vergleich. Der ehemalige Domänengrundbesitz des Hauses Schwarzburg blieb beim Land. Im Gegenzug erhielt die frühere Fürstin eine Anpassung der Rente und der Aufwandsentschädigung. Das Land Thüringen hatte sich den Sieg teuer erkauft, da allein die Abfindungszahlungen an das Haus Schwarzburg bei über 1,2 Millionen Reichsmark lagen.

Einer aus dem Volk
Emil Hartmann – Gestalter der Demokratie

Emil Hartmann, 1919 (© Stadtmuseum Weimar)

Gestalter der Demokratie und Vollblutpolitiker: diese Attribute passen auf den am 19. April 1868 geborenen Emil Hartmann. Mit seinem Engagement wurde er zum politischen Gestalter im Herzogtum Schwarzburg-Rudolstadt und im später gleichnamigen Freistaat. Nach dem Besuch der Volksschule und einer Tischlerlehre erhielt er eine Anstellung als Lagerhalter im Konsumverein Rudolstadt und arbeitete sich bis zum Geschäftsführer empor. Zeitgleich begann auch die politische Karriere. Zwischen 1902 und 1905 saß Hartmann für die SPD im Landtag von Schwarzburg-Rudolstadt. 1909 gelang sein Wiedereinzug ins Parlament, dem er bis zur endgültigen Auflösung des Landtages 1923 angehören sollte. Ab 1909 gehörte er für fünf Jahre im Stadtrat von Rudolstadt an und gründete 1906 den »Sozialdemokratischen Verein «, dessen Vorsitz er später übernahm.

Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates in Frankenhausen, 1918/19 (© Regionalmuseum Bad Frankenhausen)

Die Revolution von 1918/19 ließ Hartmann zum Vorsitzenden des erweiterten Gesamtministeriums der Republik Schwarzburg-Rudolstadt aufsteigen. Bei den ersten Landtagswahlen in Schwarzburg-Rudolstadt am 16. März 1919 errang die MSPD die absolute Mehrheit. Zwei Monate später kam das Parlament zusammen und bestimmte Hartmann zum Vorstand des Gesamtministeriums. Diese Position hatte er bis zur Gründung des Landes Thüringen inne. In der ersten Thüringer Landesregierung unter Arnold Paulssen (DDP) wurde Hartmann 1920/21 zum Staatsrat für Rudolstadt berufen. Für die zweite Landesregierung unter August Fröhlich (SPD) war er als Finanzminister tätig. Im Zuge der Reichsexekution 1923/24 und der Absetzung der rot-roten Regierung musste Hartmann seinen Posten ebenfalls aufgeben. Im Landtag saß Hartmann bis 1933.
Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1936 arbeitete Emil Hartmann als Reisevertreter der Großeinkaufsgenossenschaft der Deutschen Konsumvereine für Thüringen. Am 22. März 1942 starb er im Alter von 73 Jahren in Jena. Noch heute ist in Rudolstadt eine Straße nach ihm benannt.

Ruhig und geordnet
Vom Fürstenstaat zur Demokratie

»Jagdfrühstück« – Der letzte Staatsminister des Fürsten und Mitgestalter des Umbruches im Land, Franz Freiherr von der Recke (Mitte) (© Landesarchiv Thüringen - Staatsarchiv Rudolstadt)

Der Übergang zur parlamentarischen Demokratie verlief im Gegensatz zu anderen Regionen des Deutschen Reiches in Schwarzburg-Rudolstadt ruhig und geordnet. Dies lag an der Beliebtheit der Fürsten zu Schwarzburg und an der Disziplin und dem gleichzeitigen Zusammenhalt der Bevölkerung über Parteigrenzen hinweg. So konstatierte die Landeszeitung von Schwarzburg- Rudolstadt am 12. November 1918, dass die Bürger ihren „Weg allein gefunden“ hätten. Daher drängte zunächst auch niemand Fürst Günther Victor von seinem Thron. Als er am 25. November abdankte, war er der letzte noch verbliebene Bundesfürst in Macht und Würden. Der 1912 gewählte Landtag von Schwarzburg-Rudolstadt schlug ebenfalls einen behutsamen Kurs ein. Das Grundgesetz wurde nur an den unbedingt notwenigen Stellen geändert. Zugleich ging die Regierungsgewalt übergangsweise an das Staatsministerium über, das aber vom Vertrauen des Landtages abhängig war. Hinzu trat ab dem 8. Dezember 1918 ein neues Wahlgesetz für den Freistaat Schwarzburg-Rudolstadt in Kraft. Dies führte das allgemeine, gleiche und geheime Verhältniswahl für Männer und Frauen ab dem vollendeten 20. Lebensjahr ein.

Feier zum 25-jährigen Bestehen der Ortsgruppe Frankenhausen des Deutschen Holzarbeiterverbandes, 1913. Zweiter v. links: SPD-Politiker Franz Winter, der zusammen mit Emil Hartmann und Freiherr von der Recke (© Regionalmuseum Bad Frankenhausen)

Erste Landtagswahlen unter neuen Bedingungen fanden am 16. März 1919 statt. Mit 54,1 % aller Wählerstimmen errang die Mehrheitssozialdemokratische Partei (MSPD) die absolute Mehrheit, gefolgt von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit 14,7 % und dem Bund der Landwirte mit 13,6 %. Nach der Gründung des Landes Thüringen am 1. Mai 1920 hörte der Freistaat Schwarzburg-Rudolstadt auf zu existieren. Ähnlich wie für den Schwesternstaat Schwarzburg-Sondershausen galt nun auch ab dem 9. Dezember 1920 für Schwarzburg-Rudolstadt, dass er als Kommunalverband höherer Ordnung geführt wurde, der eine eigene Gebietsvertretung installierte. Mit dem 1. April 1923 war die vollständige Eingliederung in das Land Thüringen vollzogen.