100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Reichsregierung beging die Feierstunde zum Verfassungstag ganz „im Zeichen der Rheinlandbefreiung“. Reichsinnenminister Joseph Wirth (Zentrum) hielt die Festansprache. Den Glanzpunkt der Feierlichkeiten sollte das chorische Festspiel „Deutschlands Strom“ setzen, das von 7.000 Schüler*innen vor rund 50.000 Zuschauern im Berliner Stadion aufgeführt wurde. Die Choreografie entwarf der Reichskunstwart, der alle Chormitglieder schwarz-rot-golden einkleiden ließ. Deren Kostüme sollten den Verlauf des Grenzflusses Rhein markieren. Andere Mitwirkende verkörperten die Ströme im Inland Deutschlands, die unter den Klängen des Deutschland-Liedes in symbolischer Manier den „gefesselten“ Rhein aus dem französischen Joch befreiten. Am Vorabend des 11. August fand zudem der alljährliche Fackelzug des Berliner Reichsbanners statt, der sich vom Lustgarten zum Platz der Republik bewegte. Die Straßen seien dicht von Schaulustigen umsäumt gewesen. Es kam nur in einigen Fällen zu Zusammenstößen mit Nationalsozialisten, die sich zur Täuschung mit schwarz-rot-goldenen Fahnen unter die Kameradschaften des Reichsbanners gemischt hatten. 15 Mitglieder der NSDAP wurden vorübergehend festgenommen, insgesamt bis zum späten Abend 29 Personen der Polizei zugeführt.

Die Thüringische Staatsregierung erließ für die Durchführung der behördlichen Verfassungsfeiern ähnliche Bestimmungen wie in den Jahren zuvor. Die lokalen Feiern fanden jedoch 1930 nicht mehr „den breiten Rahmen“ wie ein Jahr zuvor, anlässlich des 10-jährigen Verfassungsjubiläums, vermerkte das „Jenaer Volksblatt“ am 12. August. Das hing sicherlich auch mit dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise in Thüringen zusammen. Die „Ostthüringer Tribüne“ titelte am 11. August unter Anspielung auf den Verfassungstag, Deutschland sei in einer sehr schlechten Verfassung, Massenarbeitslosigkeit und Massenelend wären allgegenwärtig. In der Berichterstattung der sozialdemokratischen Lokalpresse trat wieder unversehens ein sozialistisches Traditionsverständnis hervor, wie es bis 1922 vorrangig in regionalen Blättern der USPD vertreten worden war. Die demokratische Republik würde gegenwärtig unter der Diktatur der kapitalistischen Klassen stehen, urteilte die Zeitung. Desillusioniert hieß es weiter, dem arbeitenden Volk würden in der demokratischen Republik nur insoweit geholfen werden, wie es sich selbst helfe. Das gelte sowohl für die politische wie für die ökonomische Verfassung des Landes.

Diesen gedanklichen Faden spann die „Ostthüringer Tribüne“ im Artikel „Verfassungstag“ vom gleichen Tag weiter. Die dank der Weimarer Verfassung konstituierte Republik sei nicht „unter Schwarz-Rot-Gold ins Leben getreten.“ Vielmehr sei „die Bewegung“ für die Einberufung der Nationalversammlung „unter der roten Fahne des Sozialismus“ marschiert. Die Konstituante in Weimar sei ein Produkt der Novemberrevolution gewesen, die rückschauend betrachtet, allerdings „viel zu früh“ ihre Arbeit aufgenommen habe. Die politischen und technischen Voraussetzungen für die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung wären im Januar 1919 noch nicht gegeben gewesen. So konnte sich in ihr „der Friedens- und Freiheitswillen eines aufgeklärten Volkes“ nicht ausprägen. Nicht zuletzt, weil es das Bürgertum schnell verstanden habe, „aus der Nationalversammlung ein Werkzeug zum Wiederaufbau seiner Macht zu bilden.“ Somit erweise sich der zweite Teil der WRV als „unendlich bedeutungsvoll“, da in ihm erstrebt worden sei, zukünftig Kapital und Arbeit miteinander auszusöhnen. Diese „sozialpolitische Basis“ der Verfassung müsse nunmehr verteidigt, der Verfassungstag als „Kampftag“ begriffen werden, gewissermaßen ein 1. Mai unter dem Banner Schwarz-Rot-Gold. Ein „Parallelbekenntnis“ (Buchner 2001, 285) zu beiden Fahnen bildete in der Sozialdemokratie der Weimarer Zeit und im Reichsbanner ohnehin keinen Gegensatz. Auf dem Feld der Feierkultur versuchten führende Sozialdemokraten, die proletarische Symbolik aus der Zeit des Kaiserreiches und der Revolution mit der der nationalrepublikanischen Bewegung zu verknüpfen. Dabei trat insbesondere der Hofgeismar-Kreis hervor, eine Gesprächsplattform innerhalb der SPD, die den „nationalen Gedanken“ betonte. Dem Kreis stand Radbruch nahe, der schon anlässlich des Verfassungstages im Jahre 1923 salbungsvoll erklärt hat, die rote Fahne „der Menschheit“ und die schwarz-rot-goldene Fahne „des Vaterlandes“ seien aus sozialdemokratischer Sicht „unzertrennlich“ (Buchner 2001, 287).

In diesem Jahr präsentierten die Hauptredner auf den Verfassungsfeiern unserer Thüringer Vergleichsstädte noch einmal Festvorträge, die dem Anliegen dieses Tages gerecht wurden. In Gera referierte mit Dr. Else Ulich-Beil (Dresden) die einzige Frau, die wir als Rednerin auf einer amtlichen Verfassungsfeier in Thüringen nachweisen konnten. Sie engagierte sich seit dem Ersten Weltkrieg als Sozialpolitikerin und in der bürgerlichen Frauenbewegung und gehörte 1920 und von 1926 bis 1929 der DDP-Fraktion im Sächsischen Landtag an. Mehrere Jahre wirkte Frau Ulich-Beil als stellv. Vorsitzende im Allgemeinen Deutschen Frauenverein und ab 1929 als Mitarbeiterin im Vorstand des „Landesverbandes der Sächsischen Frauenvereine“. Sie übernahm die Führung der privaten „Sozialen Frauenschule“ innerhalb des Dresdner Reformprojektes „Gartenstadt Hellerau“, die unter ihrer Leitung zur Staatlichen Wohlfahrtsschule Dresden-Hellerau für Frauen und Männer umstrukturiert und 1933 aufgelöst wurde. Sie selbst erhielt Berufsverbot. Auf der Geraer Stadtfeier zum 11. August sprach Frau Ulich-Beil zum Thema Nationalgefühl, „das erst durch den Geist der Verfassung von Weimar zum rechten Ausdruck kommen könne.“ Von dieser Warte unterschied sie historisch zwischen Heimatliebe, Vaterlandsliebe und Nationalgefühl. In der modernen Zeit gelte es, „eine Einheit“ zwischen Nationalismus und Universalismus zu bilden, fasste die „Geraer Zeitung“ die Ausführungen der Vortragenden am gleichen Tag zusammen.

Auf der Verfassungsfeier der Stadt Jena befragte der Gymnasiallehrer und Reformpädagoge Carl Theil die Jahrhunderte nach dem „Geiste“ ihrer Verfassungen. An ihr sollen neben seiner Magnifizenz, dem Kirchenhistoriker Karl Heussi, eine im Vergleich zu den Vorjahren auffallend große Zahl von Universitätsprofessoren und die Präsidenten des Oberlandes- und des Oberverwaltungsgerichtes teilgenommen haben. Wahrscheinlich wollten sie auf diese Weise ihre kritische Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Volksbildungsminister Wilhelm Frick demonstrieren, der mit dem Senat der Thüringischen Landesuniversität über die Ernennung des Rassenkundlers Hans F. K. Günther zum Ordinarius in Konflikt geraten war. Das „Jenaer Volksblatt“ vom 12. August charakterisierte Theil als einen „überzeugten Republikaner“. Er war 1924 der SPD beigetreten. Demnach gab der Festredner einen Überblick über das Verfassungsleben von der Antike bis zur Gegenwart, um zu belegen, dass der 11. August 1919 einem „Wendepunkt deutschen Schicksals“ gleichgekommen sei. Vorausgesetzt, schränkte er ein, dass „aus dem Geiste der Verfassung von Weimar etwas erstehen und erwachsen kann, wenn dieser Geist willige Träger, Herzen, Köpfe und Hände findet, die ihm den Weg bereiten helfen“.

Theil beklagte, dass selbst parlamentarische Regierungen den Ausweg aus der „heutigen Notzeit“ darin  sehen würden, eine Diktatur zu errichten. Aber nur im Geiste der Weimarer Reichsverfassung könne das deutsche Volk der enormen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten Herr werden. Dazu müsse allerdings das Werk von Weimar ausgebaut und weiterentwickelt werden. Schließlich stehe der Aufbau eines „wahren Volksstaates“ noch immer aus. Auch im Rahmen dieser Verfassung müsse sich das Volk seine Freiheit immer wieder selbst erkämpfen. Daran würde es in Deutschland mangeln, „trotz der freiesten Verfassung der Welt.“ Diese Aufgabe sei schwer, aber nicht unerfüllbar. Ein solches öffentliches Bekenntnis zu einer sozialen Demokratie erforderte zu diesem Zeitpunkt von einen im Staatsdienst Thüringens tätigen Lehrer bereits große Zivilcourage. Denn in Weimar fungierte seit dem 23. Januar der Nationalsozialist Wilhelm Frick als Thüringischer Innen- und Volksbildungsminister, der in seinen Ressorts damit begann, missliebige Beamte in den Wartestand zu versetzen. Theil musste also mit Sanktionen rechnen. Die städtische Verfassungsfeier kontrastierte zudem mit der Reichsgründungsfeier an der Universität Jena, die diese auf Beschluss des Deutschen Hochschulverbandes alljährlich am 18. Januar durchführte. Während hier stets Hochschullehrer die Festansprache hielten, stellten sich für die kommunalen Feiern nur Festredner aus dem kleinen Kreis republikanisch eingestellter Studienräte zur Verfügung (John 2015). 

In Weimar sprach Gymnasialoberlehrer Alfred Wiedemann vor einem überschaubaren Publikum. Es handelte sich um den Sportlehrer, der seit Langem das sportliche Begleitprogramm zu den Verfassungsfeiern in den Schulen Weimars organisierte. Laut dem „Jenaer Volksblatt“ vom 12. August habe er eine „stimmungsvolle und eindringliche“ Rede gehalten, in der er sich für „Einigkeit, Volk und Vaterland“ aussprach, seine Zuhörerschaft durchaus berührend. Jens Riederer kennzeichnete den Festredner als „Herzensrepublikaner“. Schon vor Beginn der Veranstaltung hatte der stellv. Stadtratsvorsitzende Fritz Behr (SPD) die Teilnahme einer Abordnung des lokalen Reichbanners an der städtischen Feier erstmals abgesagt. Behr leitete in Personalunion den Ortsvorstand des Weimarer Reichsbanners. Dessen Weigerung lässt auf Differenzen mit der Verwaltungsspitze unter Oberbürgermeister Mueller schließen. Inwieweit dadurch das Mobilisierungsvermögen der republikanischen Kräfte beeinträchtigt wurde, lässt sich nicht sagen. Behr arbeitete in Weimar als Lehrer und gehörte dem Stadtrat seit 1925 an, zuletzt als Fraktionsvorsitzender der SPD, der er 1919 beigetreten war.

Apolda


11. Aug. 1930

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Stadtvorstand Apolda lud zur offiziellen Verfassungsfeier ein, großer Bürgervereinssaal, „sehr gut besucht“.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Festrede: Oberstudiendirektor Bartels, der die Verfassung und den 11. August 1919 mit keinem Wort erwähnte, sondern über die „Befreiung des Rheinlandes“ sprach. Daraufhin erfolgten scharfe Zwischenrufe wie „Republik!“, „Verfassung!“ und „Friedrich Ebert!“

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

AThLD, 12.8.1930; JV, 12.8.1930, nach dem Gesang des Deutschland-Liedes wurde aus der Mitte des Saales ein Hoch auf die Republik und die Verfassung ausgebracht. Danach verließ die Mehrzahl der Besucher den Saal. Nach einem Musikstück musste die Feier abgebrochen werden.

Gera


10. Aug. 1930

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Kegelbahn im Lokal „Heinrichsbrücke“: „Verfassungskämpfe der Kegler“ entsprechend einer Ausschreibung des Deutschen Keglerbundes, nur mäßige Beteiligung bei den Frauen.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

 

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

GZ, 11. 8.1930, S. 2. Jeweils 100 Wurf über Asphalt, Bohle und Schere, Frauen nur 50 Wurf Asphalt.

Gera


11. Aug. 1930

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Stadt Gera, Rathaus, Markt, „kurze Gedenkfeier“, anwesend waren „die Spitzen der städtischen Körperschaften und eine Anzahl geladener Gäste“ (GZ) sowie Pressevertreter; „festlich dekorierter Saal“ (OT).

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Festrednerin: Dr. Else Ulich-Beil (DDP, MdL Sachsen).

Thema: „Geist der Verfassung und Nationalgefühl“, ließ ihre Rede in ein dreifaches Hoch „auf das deutsche Vaterland und die deutsche Republik“ ausklingen.

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

GZ, 11.8.1930; OT, 11.8.1932, zum Auftakt Ouvertüre zu „Egmont“ von Ludwig van Beethoven, gespielt vom Städtischen subv. Orchester, dann Georg Friedrich Händels Lied: „Ans Werk“, vorgetragen vom Geraer Männergesangsverein Oberon. Abschluss mit dem Gesang der 1. und 3. Strophe des Deuschland-Liedes und dem Musikvortrag des „Zuges der Frauen zum Münster“ aus der Oper „Lohengrin“ von Richard Wagner.

Jena


11. Aug. 1930

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Stadtvorstand Jena, offizielle Verfassungsfeier Jenas im Saal des Stadttheaters, der „voll besetzt“ gewesen sei.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Festrede: Studienrat Dr. Carl Theil.

Thema: „Vom Geiste der Verfassungen in Altertum und Neuzeit“; „Das Volk“, 13.8.1930, Beilage, druckte die Rede im Wortlaut.

Anwesend: OB Elsner, Gries und alle städt. Beigeordneten, der Vorsitzende des Stadtrates Willhelm Trier, Rektor Karl Heussi, die Präsidenten des Thür. OLG und OVG, die Leiter der Reichs- und Landesbehörden in Jena.

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

JV, 12.8.1930, Festakt mit der Orchestervereinigung Jena unter Leitung von Kapellmeister Reinhold Köcher, Jena, die Bühne „vortrefflich“ geschmückt, die Reichsfarben leuchteten hervor; Musikstück von R. Wagner: Feierliche Musik aus Parsifal, gemeinsamer Gesang des Deutschland-Liedes 1. und 3. Strophe.

Weimar


10. Aug. 1930

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Deutscher Automobilklub, Zielfahrt von 169 Autorennsportlern nach Weimar aus Anlass des Verfassungstages, Veranstaltung im DNT.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Redner: Präsidialmitglied des Deutschen Automobilklubs, Dr. jur. Richard Mischler, Berlin und Staatsminister a.D. August Frölich (SPD).

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

AThLD, 11.8.1930; JV, 11.8.1930, Frölichs Rede klang aus mit einem Hoch auf die „deutsche Republik“ und dem gemeinsamen Gesang der dritten Strophe des Deutschland-Liedes „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Weimar


11. Aug. 1930

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Stadt Weimar, rief alle Bürger zu einer Feier im Saal der „Armbrust“ auf, viele Plätze blieben leer, obwohl dienstfrei war, es erschienen von den etwa 1.000 Beamten aus den Verwaltungsbehörden Weimars nur etwa 50, aus den Landesministerien nur ganz wenige.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Festrede: Realgymnasialoberlehrer Alfred Wiedemann.

Anwesend: OB Mueller und Stadträte, der Thür. Justiz- und Wirtschaftsminister Dr. Willy Kästner, Polizeidirektor Oberregierungsrat Georg Hellwig, eine Abt. der Reichswehr und einige Offiziere der Landespolizei.

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

JV, 12.8.1930, der Saal „war wirkungsvoll geschmückt“. Die Feier wurde durch Ludwig van Beethovens Ouvertüre zum Drama „Egmont“ eingeleitet.