100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

In diesem Jahr drückte der politische Ausnahmezustand in Berlin und Brandenburg nach der Entmachtung der geschäftsführenden Landesregierung den Verfassungsfeiern seinen Stempel auf. Der „Vorwärts“ vermerkte am 11. August rückblickend zum so genannten Preußenschlag Franz von Papens, es handele sich um den schwärzesten Tag der innerdeutschen Geschichte seit dem Bestehen der Republik. Der verfassungswidrigen Reichsexekution gegen die Preußische Staatsregierung unter Ministerpräsident Otto Braun (SPD) am 20. Juli war eine Notverordnung der Reichsregierung vorausgegangen, die sie unmittelbar nach dem „Altonaer Blutsonntag“ vom 17. Juli erließ. Bis auf weiteres wurden alle politischen Versammlungen unter freiem Himmel verboten, worunter auch die geplanten Verfassungsfeiern der Sozialdemokratie und des Reichsbanners fielen. Auch der alljährliche Fackelzug dieses Wehrverbandes am Vorabend des 11. August wurde vom Reichsminister des Innern untersagt.

Die übliche Feierstunde im Reichstag konnte zwar noch ein letztes Mal stattfinden, nahm aber angesichts des Staatsstreichs und Straßenterrors der SA anachronistische Züge an. Wie die „Allgemeine Thüringische Landeszeitung Deutschland“ am Verfassungstag ihrer Leserschaft mitteilte, sprach mit Reichsinnenminister Wilhelm Freiherr von Gayl ein ausgesprochener Monarchist zu den geladenen Gästen. Der Generalssohn aus Ostpreußen stand auf dem rechten Flügel der äußerst rechts eingestellten DNVP und forderte offen die Beseitigung der Weimarer Reichsverfassung, um zukünftig „schädliche Parlamentsbeschlüsse ohne schwerwiegende verfassungsmäßige Reibungen“ aufheben zu können. Reichskanzler und Reichskommissar von Papen brachte das traditionelle Hoch zum Abschluss der Feier nicht wie gewohnt auf die deutsche Republik aus, sondern auf „das im Deutschen Reiche geeinte Volk“. Ein beredtes Symbol des Triumphes der reichsnationalistischen Kreise um Reichspräsident Hindenburg über die nationalrepublikanische Bewegung. Diese Tatsache äußerte sich auch in der Dekoration des Plenarsaals, der an diesem 11. August nicht die gleiche Ausstattung aufwies wie in früheren Jahren. Journalisten merkten im „Vorwärts“ an, dass die Präambel der Reichsverfassung fehlte, die vordem stets zu beiden Seiten des großen Reichsadlers an der Stirnseite des Saales prangte. Außerdem wurde in der linken Saalecke eine große schwarz-weiß-rote Reichskriegsflagge mit schwarz-rot-goldenem Eck aufgestellt. Sie war an den vorangegangenen Verfassungstagen wegen der abschließenden Parade der Berliner Wachkompanie stets vor dem Reichstagsgebäudes aufgezogen worden (Buchner 2001). Wie gewohnt stand in der gegenüberliegenden Ecke des Plenarsaals eine schwarz-rot-goldene Standarte der Republik, die freilich angesichts der Gesamtinszenierung dieses „Verfassungstages“ nur noch wie Staffage wirkte.

Wenn am 11. August überhaupt noch lokale Feiern in Thüringen stattfanden, so wurden sie von Tristesse begleitet oder sie waren dem Hohn und Spott der Verfassungsfeinde ausgesetzt. Nur die Stadt Apolda bildete hierin eine Ausnahme, wo das Reichsbanner 1931/32 namhafte Redner der Arbeiterbewegung aufbot, die ausgesprochen streitbar und entschlossen auftraten. Sie wandelten einen Ferdinand Lassalle zugeschriebenen Ausspruch ab und erklärten bestimmt, Verfassungsfragen seien Machtfragen. In der Landeshauptstadt stand der städtische Festakt dagegen ganz im Zeichen des vermeintlichen Zauberwortes „Volksgemeinschaft“, worin sich das absehbare Ende des Parteienstaates von Weimar offenbarte (Stenzel 1998). In Erfurt nahm der entmachtete Regierungspräsident Ludwig Freyseng einen Vorbeimarsch der Schutzpolizei ab und rief ihren Angehörigen zu, ihr seid nicht Diener einer Partei, sondern Diener des Staates. Er war im Zuge der Absetzung der Preußischen Staatsregierung durch Staatskommissar von Papen im Juli 1932 zur Disposition gestellt worden. Er schloss seine Rede mit den Worten, „es lebe das in der republikanischen Verfassung vereinte deutsche Volk.“

Auf den Seiten der „Geraer Zeitung“ fand sich in diesem Jahr kein Artikel über eine lokale Verfassungsfeier. Schließlich stand die Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits unter dem Regiment des von der Landesregierung eingesetzten Staatsbeauftragten für Gera, Ministerialdirektor i. W. Dr. Ernst Jahn (Deutsche Staatspartei). In Jena notierte OB Elsner unter dem 25. Juli, es sei zwar eine Beflaggung der Amtsgebäude vorgesehen, von einer Verfassungsfeier der Stadt müsse indes Abstand genommen werden. Zur Begründung führte er an, die Erfahrungen der Vorjahre würden zeigen, dass es die Höheren Schulen inzwischen ablehnten, Mitglieder des Lehrerkollegiums als Festredner auf den Verfassungstagen freizustellen. Außerdem fand sich keine andere Reichs- oder Landesbehörde bereit, für den Stadtvorstand in die Bresche zu springen. Bis dahin hat der Jenaer Oberbürgermeister die Präsidenten der Reichsanstalt für Erdbebenforschung, Geheimrat Prof. Dr. Oskar Hecker, und den Präsidenten des Thüringer Oberverwaltungsgerichts, Dr. Friedrich Ebsen, Jahr für Jahr Ende Juli über seine Absicht informiert, eine Verfassungsfeier durchzuführen. Er verband diese Nachricht mit dem Wunsch, „auch persönlich für regen Besuch und insbesondere für die Vertretung der Landesbehörden und deren Beamten bemüht zu sein.“ Doch in diesem Jahr lehnten es diese Spitzenbeamten wie auch der Filialvorsteher des Reichsfinanzamtes ab, in Jena eine Verfassungsfeier zu organisieren.

Apolda


11. Aug. 1932

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Ortsgruppe der Eisernen Front, Saal des Bürgervereins; Kundge-bung auf dem Markt.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Redner: Oberregierungsrat Dr. Wilhelm Hering, Jena und  Gewerkschaftssekretär Fritz Guckenburg, Apolda.

Thema: „Faschismus oder Sozialismus?“

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

AThLD, 13.8.1932.

Erfurt


11. Aug. 1932

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Der Regierungspräsident von Erfurt rief die Bevölkerung am Abend zu einer gemeinsamen Verfassungsfeier auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz auf, eine „größere Anzahl“ Erfurter sei gekommen.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Redner: Regierungspräsident Ludwig Freyseng, Erfurt.

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

JV, 12.8.1932, eine schwarz-rot-goldene und eine schwarz-weiße Landesfahne seien aufgezogen worden. Paradeaufstellung der Schutzpolizei, Chorgesang und Musikstücke, große Glocke des Doms läutete.

Jena


11. Aug. 1932

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Es fand keine amtl. Verfassungsfeier statt. Lediglich in einigen Stadtvierteln wurden schwarz-rot-goldene Fahnen herausgehängt, so vor dem Gebäude der Druckerei des „Jenaer Volksblattes“, auch Fahnen der Eisernen Front, bes. in der Lutherstraße.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Leserbrief zum „Jenaer Verfassungstag 1932“, in dem bedauert wurde, dass die Behörden keinen Mut aufgebracht hätten, sie würden das „Werk von Weimar“ missachten.

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

JV, 12.8.1932, demnach hingen vor den öffentlichen Gebäuden vor-nehmlich Fahnen in den Landesfarben, viele Gebäude von Behörden trugen überhaupt keinen Fahnenschmuck.

Weimar


1932

Veranstalter, Tagungsort und überlieferte Zahlen der Teilnehmer:

Stadt Weimar, kleiner Saal der Weimarhalle, „offizielle Verfassungsfeier“; „gut besucht“.

Hauptredner, Akteure und Gestalter vor Ort:

Festredner: Oberstudiendirektor Prof. Julius Voigt, Leiter der Deutschen Aufbauschule für Mädchen in Weimar.

Thema: „Der deutsche Staatsgedanke im Laufe der deutschen Geschichte“.

Staatsminister Willy Kästner anwesend, auch Vertreter von Landes- und Reichsbehörden und der Landespolizei.

Format und Ausstattung der Verfassungsfeier:

AThLD, 11.8.1932;  JV, 12.8.1932, OB Mueller brachte ein „Hoch auf das deutsche Vaterland aus“; „eindrucksvolle Feier“, endete mit dem Andante zur 1. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.